Getrennt vereint

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Getrennt vereint

Innerdeutsche Sportbeziehungen 1945 bis 1956

Die Sportgeschichte im geteilten Nachkriegsdeutschland ist lange Zeit  nur ein Randthema der DDR-Forschung gewesen(1). Dies ist ein überraschender Befund, wenn man bedenkt, wie viele Menschen sich als Aktive oder Zuschauer am Sport begeistern. Seit den von Hitler inszenierten Olympischen Spielen 1936 in Berlin, die Leni Riefenstahl in ihren Filmen zum Triumph von Kraft und Schönheit verklärt hat, haben wir lernen müssen, wie der Sport zu politischen Zwecken missbraucht werden kann. Wenn nationale Größe am Medaillenspiegel gemessen wird, erweist sich demgegenüber Pierre de Coubertins olympischer Gedanke, der die Teilnahme am internationalen Wettbewerb als Ausdruck der völkerverbindenden Idee des Sports in den Mittelpunkt rückt, als eine schöne Illusion. Die vermeintliche „Nebensache“ ist längst zu einem wichtigen Politikum geworden, das sich im Spannungsfeld von Körperertüchtigung, Persönlichkeitsbildung und menschlicher Begegnung auf der einen Seite, Unterhaltung, Kommerz und politischer Erfolgspropaganda auf der anderen Seite bewegen muss und dabei seinen viel beschworenen unpolitischen Charakter längst verloren hat.

Auch wenn der Sport aus nachvollziehbaren Gründen ein häufig marginalisierter Teil der Politikgeschichte geworden war, erfolgte durch seine Fokussierung auf politische Zwecksetzungen eine prekäre Perspektivenverengung. Erst in den 1990er Jahren, nach Öffnung der DDR-Archive, haben sich Tendenzen verstärkt, den Sport nicht nur als Teil der politischen Geschichte, sondern primär als Teil der Kulturgeschichte wahrzunehmen, also nicht nur die politische Funktionalisierung des Sports zu thematisieren, sondern vor allem auch seine gesellschaftliche Bedeutung zu reflektieren(2). Im Hinblick auf den Sport im geteilten Deutschland kann dieser Perspektivenwechsel aber nur als Projekt der Interdependenz gelingen, das in den Wechselwirkungen von Sport und Politik die Relevanz und Durchsetzungskraft gesellschaftlicher Interessen und Bedürfnisse aufspürt und gegen den Verfügungsanspruch der Politik sein Eigengewicht zu bestimmen sucht.

Dieser Beitrag unternimmt den Versuch, die Sportgeschichte im geteilten Deutschland am Beispiel und im Blickfeld der kontroversen Vorgeschichte um die schließlich erfolgreiche Bildung gesamtdeutscher Olympiamannschaften bei den Winter- und Sommerspielen 1956 zu beleuchten. In der Periode des Kalten Krieges war der Sport ein wichtiger – wenn nicht einzig sichtbarer – symbolpolitischer Ausdruck für die reale Existenz der deutschen Nation, wenn auch im Modus einer durch das Internationale Olympische Komitee erzwungenen Gemeinsamkeit, die sich in der Teilnahme gesamtdeutscher Mannschaften bei den Olympischen Spielen 1956, 1960 und 1964 ausdrückte. Wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, wie sich die Formierungsgeschichte der Sportorganisationen im Osten und Westen Deutschlands als Hindernis für gesamtdeutsche Sportbegegnungen erweist, welche innerdeutschen Konflikte durch Kompromisse überbrückt werden mussten, um die Bildung einer ersten gesamtdeutschen Olympiamannschaft 1956 zu ermöglichen, soll im Folgenden nachgezeichnet werden.

Die Neuorganisation des Sports in Deutschland

1945 bis 1950

Die „Stunde Nichts“ (Heinrich Böll), die am 8.Mai 1945 nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands einsetzte, betraf nicht nur das politische System, sondern erfasste alle Lebensbereiche. Die in den Potsdamer Vereinbarungen festgelegten Prinzipien der Entnazifizierung und Dezentralisierung kamen auch für den Sport zur Geltung und hatten zur Folge, dass sich die Strukturen einer neuen überregionalen Sportorganisation erst in einem längeren Prozess herausbilden konnten. Dieser Prozess verlief im Osten und Westen Deutschlands in unterschiedlichem Tempo und mit Resultaten, in denen sich auch die Gegensätze der politischen Entwicklung manifestieren sollten. Im Kontrollratsgesetz Nr. 2 vom 10. Oktober 1945 wurde ausdrücklich neben der NSDAP und ihren zahlreichen Gliederungen auch der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen, mit dem 1938 die Gleichschaltung des Sports in der NS-Diktatur endgültig vollzogen war, zur ungesetzlichen Organisation erklärt. Die Direktive 23 des Alliierten Kontrollrats vom 17. Dezember 1945 verfügte eine „Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland“ und ein Verbot der Sport- und Turnvereine. Sie erlaubte „nicht-militärische Sportorganisationen lokalen Charakters“ bis zur Landkreisebene, diese mussten jedoch von den örtlichen Besatzungsorganen genehmigt werden. In diesem Rahmen entwickelten sich frühe sportliche Aktivitäten nach dem Motto „Erlaubt ist, was nicht verboten wird“ in den vier Besatzungszonen und in Groß-Berlin, wobei sich erhebliche regionale Unterschiede feststellen lassen. Beispielsweise fand in Berlin das erste Fußballspiel nach Kriegsende bereits am 20. Mai 1945 im Stadion Lichtenberg vor 10.000 Zuschauern statt, mehr als 500 Mannschaften nahmen in der alten Reichshauptstadt im September 1945 ihre Spielrunde auf, zur gleichen Zeit begann die Süddeutsche Fußball-Liga ihren überregionalen Spielbetrieb. Im Sommer 1945 kam es in der sowjetischen und britischen Zone auch schon zu ersten sportlichen Begegnungen zwischen deutschen Städtemannschaften und Soldatenteams.

In der SBZ wurde die Beschränkung sportlicher Aktivitäten auf die kommunale Ebene gemäß der Direktive 23 des Kontrollrats besonders strikt beachtet. Bei den Kommunalverwaltungen wurden Sportämter eingerichtet. Sie wurden häufig von Funktionären geleitet, die aus der Arbeitersportbewegung stammten. Die KPD ließ schon in ihren ersten Stellungnahmen erkennen, dass sie die damals weit verbreitete Vorstellung von einem „unpolitischen Sport“ eindeutig ablehnte. So hieß es in einem im Juli 1945 erschienenen offenen Brief des Leipziger Sportamts, der von dem ehemaligen Funktionär der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit Bruno Plache inspiriert war: „Der kommunale Sport ist unparteiisch, aber nicht unpolitisch, er bekennt sich zu den gemeinsamen Zielen der drei Blockparteien.“(3) Trotz der Auflösung der alten Sportvereine und der Enteignung ihres Vereinsvermögens wurden gelegentlich Strategien entwickelt,  die eine Zerschlagung gewachsener Strukturen zu unterlaufen suchten. Die Anfang 1947 als kommunale Sportgruppe entstandene Sportgemeinschaft Dresden-Friedrichstadt knüpfte offenkundig an die Tradition des renommierten Dresdner Sport-Clubs an. „Sie hatte die schwarz-roten Farben des Clubs, ihre Leitung bestand ausschließlich aus ehemaligen DSCern und von ihren 300 Mitgliedern kamen über 250 aus dem DSC.“(4) Nachdem ihrer Fußballmannschaft durch  politisch beeinflusste Spielmanipulationen der Meistertitel in der ersten Saison 1949/50 vorenthalten blieb, verließ das gesamte Team, zu dem als Spielertrainer auch der spätere Bundestrainer Helmut Schön zählte, in einer spektakulären Aktion die SBZ und schloss sich dem Westberliner Verein Hertha an. Diese Episode zeigt, dass sich der „Klassenkampf“ zwischen den ehemals bürgerlichen Sportvereinen und der Arbeitersportbewegung nicht allein durch administrative Maßnahmen aufheben ließ.

Im August 1946 beschloss die SED, die Verantwortung für den Sport auf die erst wenige Monate zuvor (am 7.März) gegründete Jugendorganisation FDJ zu übertragen, ihr Vorsitzender war Erich Honecker. Die Kompetenzverlagerung von den Kommunen erfolgte in einem längeren Prozess und war erst Anfang 1948 weitgehend abgeschlossen. Sie wurde am 11. Mai 1948 von der Sowjetischen Militäradministration durch eine Vereinbarung mit dem Zentralrat der FDJ sanktioniert. Allerdings erfassten die FDJ-Sportgruppen, die nach offiziellen Angaben 200.000 Mitglieder hatten, nur einen Teil der Sport treibenden Bevölkerung. Durch diese Maßnahme wurde als wichtigstes Ergebnis erreicht, dass in der SBZ ein überregionaler Sportverkehr über die Grenzen des Kommunalsports möglich wurde. So konnten 1948 die ersten SBZ-Meisterschaften im Fußball und Handball durchgeführt werden. Die SED erkannte allerdings sehr bald, dass die FDJ wenig geeignet war, die Verantwortung für den gesamten Sport zu übernehmen. Das kurze Intermezzo des Leitungsmonopols der FDJ wurde bereits am 1. Oktober 1948 durch die Gründung des Deutschen Sportausschusses (DS) beendet. Als Träger der „Demokratischen Sportbewegung“ fungieren jetzt FDJ und FDGB, wobei der Einheitsgewerkschaft eine vorrangige Stellung zufällt. Diese Einflussverlagerung zeigt sich am deutlichsten in der Kampagne zur Bildung von Betriebssportgemeinschaften (BSG), die seit Ende 1948 nach sowjetischem Vorbild entstehen und durch den alten Arbeitersportler und SED-Generalsekretär Walter Ulbricht lebhaft propagiert werden. So erklärt er im April 1949: „Die Sportgemeinschaften der Betriebe müssen zum Rückgrat der neuen Sportbewegung werden.“(5) Innerhalb eines Jahres wurden mehr als 800 BSG mit 500.000 Mitgliedern registriert. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass in den ersten drei Nachkriegsjahren der Volkssport gegenüber dem Leistungssport eindeutig im Vordergrund des politischen Interesses der SED stand.

Die Entwicklung der Sportorganisationen in den Westzonen wurde durch das „Ringen zwischen Fachverbandsprinzip und Gemeinschaftsidee“(6) bestimmt. Eine wichtige Weichenstellung erfolgte bereits im November 1945 in der amerikanischen Zone mit der Bildung des Süddeutschen Sportverbandes. In diesem ersten Dachverband schlossen sich die Landessportbünde Hessen, Württemberg-Baden und Bayern zusammen. Dagegen dominierten im britisch besetzten Nordrhein-Westfalen die Vertreter des Fachverbandprinzips, angeführt von dem späteren Präsidenten des Deutschen Fußballbundes Peco Bauwens. Eine von Carl Diem für die Westzonen initiierte erste „Interzonenkonferenz“ im November 1946 brachte keine Annäherung der Standpunkte zwischen den Verfechtern des Einheitssportgedankens und den Verteidigern der Fachverbandsautonomie.

Dagegen zeitigten die Bemühungen der Fachverbände um einen gesamtdeutschen interzonalen Zusammenschluss erste Erfolge. Nachdem im März 1947 ohne Abstimmung mit alliierten Behörden eine „interzonale Tischtennis-Auskunftstelle“ entstanden war, wurde im Juni der „Arbeitsausschuss Schwimmen“ konstituiert, der im August 1947 erstmals Deutsche Meisterschaften mit Sportlern aus allen vier Besatzungszonen durchführte. Unter geradezu verschwörerischen Bedingungen hatten die Tischtennisspieler bereits Ende 1946 inoffiziell Deutsche Meisterschaften in Heppenheim veranstaltet, bei denen alle Besatzungszonen vertreten waren. Sportler aus der SBZ beteiligten sich inoffiziell an den Deutschen Meisterschaften der Leichtathleten am 9./10. August 1947 in Köln und im Schwimmen am 23./24. August in Frankfurt. Nach Gründung des DS wurde eine Teilnahme von Sportlern aus der SBZ an in den Westzonen ausgerichteten Meisterschaften nicht mehr gestattet. Einen Monat nach den letzten gesamtdeutschen Schwimmmeisterschaften in Rheydt wurden Ende September 1948 für die SBZ eigene Meisterschaften für diese Sportart organisiert. Damit waren die Ansätze für einen zonenübergreifenden Sport abgebrochen.

Es sollte zwei weitere Jahre dauern, bevor über die Zwischenstufe der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sport“, die im Oktober 1948 in Bad Homburg zwischen Vertretern der Landessportbünde und den Fachverbänden verabredet worden war, nach langanhaltenden Kontroversen mit den separatistisch orientierten Fachverbänden unter Führung von Bauwens schließlich am 10. Dezember 1950 der Deutsche Sportbund (DSB) als Dachorganisation des Sports in der Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Auch der erst drei Monate zuvor konstituierte Deutsche Turnerbund hatte einer Beteiligung zugestimmt. Es war vor allem das Verdienst Willi Daumes, die Skepsis der mächtigen Fachverbände überwunden zu haben, die dem bundesdeutschen Sport erst mit dem DSB eine handlungsfähige gemeinsame Interessenvertretung ermöglichte. Er wurde folgerichtig zum ersten DSB-Präsidenten gewählt und blieb mehr als drei Jahrzehnte der wichtigste und einflussreichste Repräsentant deutscher Sportinteressen in der nationalen und internationalen Sportarena.

Die politische Spaltung Deutschlands, die sich in der „doppelten Staatsgründung“ (Christoph Klessmann) 1949 markant manifestierte, hatte auch im Sport bereits mit dem Berlin-Konflikt 1948/49 deutliche Spuren hinterlassen. Für den Berliner Kommunalsport hatte die sowjetische Kommandantur schon im Frühsommer 1945 wichtige Weichen gestellt, seit Herbst 1946 verstärkten sich in den Westzonen Bestrebungen, eigene Wege zu beschreiten, wobei an die Tradition der alten Sportvereine angeknüpft werden sollte. Allerdings führte die Berlin-Blockade, die im Juni 1948 begann, nicht unmittelbar zum Ende der sportlichen Verbindungen, etwa bei den Mannschaftssportarten Fußball und Handball, die ihren gemeinsamen Spielbetrieb zunächst aufrechterhielten. Während die Berlin-Blockade noch andauerte, kam es endgültig zur sportpolitischen Spaltung, nachdem die SED die Gründung eines „Berliner Sportausschusses“ betrieben hatte, der einen Alleinvertretungsanspruch für den Sport erhob. Er forderte die Westberliner Vereine und Sportgruppen am 1. März 1949 ultimativ auf, sich dem Ausschuss zu unterstellen, „da sie sonst vom Spielbetrieb mit dem Ostsektor und der Ostzone ausgeschlossen sein würden“(7). Es war absehbar, dass dieses Propagandamanöver scheitern musste. Während die Westberliner Vereine am 29. Oktober 1949 im Amerika-Haus den Sportverband Groß-Berlin gründeten, der am Prozess der DSB-Entstehung mitwirkte und sich im folgenden Jahr mit vollen Rechten in den DSB integrierte, hatte sich der (Ost-)Bertliner Sportausschuss bereits am 10. März 1949 in den DS eingegliedert. Damit war eine Situation entstanden, in der die vom Osten initiierten politischen Konflikte um den Status von West-Berlin in anhaltenden sportpolitischen Kontroversen ihre Fortsetzung finden sollten.

Internationale Kontakte

Während Begegnungen mit Militärmannschaften – mit Ausnahme der französischen Zone – schon 1945 in verschiedenen Sportarten vereinbart werden konnten, waren Bemühungen um Sportkontakte mit dem Ausland seit Ende 1946 erfolgreich, wobei Österreich und die Schweiz den Anfang machten. Im August 1947 präsentierten sich die amerikanischen Wimbledon-Sieger bei einem Tennisturnier in München, im gleichen Monat begegneten sich in der Leichtathletik Auswahlmannschaften aus Oxford und der britischen Zone. Ein Durchbruch im internationalen Sportverkehr wurde 1948 vor allem im Fußball erreicht. In Süddeutschland wurden Auswahlspiele gegen Mannschaften aus St.Gallen, Zürich und Basel vor großer Zuschauerkulisse (in Stuttgart waren es 65.000 Menschen) wie Länderspiele gefeiert, so war es nur folgerichtig, dass nach Aufnahme in den internationalen Fußballverband FIFA im Sommer 1950 mit der Schweiz am 22. November 1950 in Stuttgart auch das erste offizielle Länderspiel nach dem Krieg ausgetragen wurde.

In der SBZ gab es bis Ende 1948, von Begegnungen mit sowjetischen Militärmannschaften abgesehen, keine internationalen Sportkontakte. Anfang 1949 kamen sowjetische Skisportler zu den Wintersportmeisterschaften nach Oberhof, ein erster Auftritt im Ausland war die Reise einer Sportlergruppe nach Budapest zu den II.Weltfestspielen der Jugend und Studenten im Sommer 1949. Die Sportler konnten allerdings an den offiziellen Wettkämpfen nicht teilnehmen, da der SBZ-Sport zu diesem Zeitpunkt keinem internationalen Fachverband angehörte. So blieb es bei einigen inoffiziellen Freundschaftstreffen, denen  am 9. Oktober 1949, um die Bestimmungen der FIFA zu unterlaufen, ein Match zwischen einer „Ungarischen Gewerkschaftsauswahl“ und einer „Auswahl Sachsen“ folgte, das in der DDR später als erstes Länderspiel registriert worden ist. Seit Ende 1949 wurden – mit der zunehmenden Förderung des Leistungssports verbunden – verstärkt Kontakte mit den osteuropäischen „Volksdemokratien“ angebahnt, die jedoch mit Konzentration auf die Sowjetunion erst 1951 einen nennenswerten Umfang von 156 Begegnungen erreichten. Eine Mitgliedschaft in den westlich orientierten internationalen Fachverbänden wurde von der SED-Führung bis 1950 kaum in Betracht gezogen. Dafür war auch die Haltung der Sowjetunion maßgeblich, sich als „sozialistischer“ Staat vom „kapitalistischen“ Sport fernzuhalten und den Wettkampfsport selbst organisierten „Spartakiaden“ vorzubehalten. Diese Position wurde nach Kriegsende erst allmählich verändert. Seit 1946 trat die Sowjetunion verschiedenen Fachverbänden bei, wobei sie gelegentlich auch für irritierende Überraschungen sorgte. So erschien zu den ersten Leichtathletik-Europameisterschaften in Oslo unangemeldet eine sowjetische Mannschaft, doch zu den Olympischen Spielen 1948 in London schickte die UdSSR lediglich eine Beobachterdelegation. Es sollte bis 1951 dauern, dass die Sowjetunion ein NOK gründete und 1952 mit ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Helsinki spektakulär die Bühne des Weltsports betrat.

Hindernisse auf dem Weg nach Olympia

Dass es im deutschen Sport frühe Illusionen gegeben hat, zeigte sich im Vorfeld der Olympischen Spiele 1948. Sportfunktionäre wie Willi Daume glaubten schon Ende 1946 an die Möglichkeit einer Olympiateilnahme und konnten sich dabei auf den Umstand stützen, dass die beiden deutschen IOC-Mitglieder Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg und Karl Ritter von Halt bei der 39.IOC-Session im September 1946 aus dem IOC nicht ausgeschlossen worden waren. Obwohl es im Ausland einige namhafte Olympiabefürworter gab, darunter den für die Olympischen Spiele in London verantwortlichen Organisator Lord Burghley, war diese Hoffnung illusorisch, weil dafür die notwendige Bedingung, die Existenz eines Nationalen Olympischen Komitees, fehlte, die noch bis Sommer 1949 am Einspruch der Alliierten scheitern sollte.

Die „Wege nach Olympia“ (Willi Knecht) erwiesen sich für die Deutschen als Labyrinth, in dem  sich nach komplizierten Suchprozessen zunächst nur für die westdeutsche Seite ein Ausweg zum Ziel eröffnete. Während die ostdeutsche Seite in Übereinstimmung mit der sowjetischen Haltung noch in prinzipieller Distanz zur olympischen Bewegung verharrte, machten die Westdeutschen mit der Gründung des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland am 24. September 1949 einen ersten notwendigen Schritt zur Teilnahme an den Olympischen Spielen 1952, dem zwei Monate später der Aufnahmeantrag an das IOC folgte. Zu diesem Zeitpunkt, nach Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland, hatten die Hohen Kommissare, deren Mitspracherecht in auswärtigen Angelegenheiten fortbestand, ihre ursprünglichen Vorbehalte aufgegeben, sodass auf der 44.IOC-Session im Mai 1950 eine provisorische Anerkennung erreicht werden konnte. Diese Kompromissentscheidung nahm Rücksicht auf kriegsbedingte Einwände, die vor allem in den Niederlanden, Belgien, Dänemark und Norwegen bestanden. Mit der NOK-Bezeichnung „für Deutschland“ war ein Anspruch auf gesamtdeutsche Repräsentanz impliziert, die von den Olympiern mit einer grotesken Begründung akzeptiert wurde: Das IOC verwies auf den Umstand, dass ein Vertreter Ostdeutschlands – der damals bereits aus der SBZ geflüchtete Herzog von Mecklenburg – IOC- und NOK-Mitglied sei(8).

Überraschend musste im Oktober 1950 die IOC-Entscheidung wirken, ein NOK des Saarlands anzuerkennen, die eine Olympiateilnahme einer saarländischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1952 ermöglichte. Hätte sich das IOC an das in seiner Satzung verankerte Neutralitätsprinzip gehalten, wäre es plausibel gewesen, der DDR das gleiche Recht einzuräumen. Diese verfolgte jedoch im Einklang mit ihren deutschlandpolitischen Parolen („Deutsche an einen Tisch!“) zunächst einen anderen Kurs. In einer Entschließung des ZK der SED wurde noch im März 1951 ein „gesamtdeutsches Nationales Olympisches Komitee“ gefordert, das im Einklang zwischen der Bundesregierung und dem NOK-Präsidenten Ritter von Halt von westdeutscher Seite strikt abgelehnt wurde. Überraschenderweise wurde am 22. April 1951, einen Tag vor der Sowjetunion, das NOK der DDR gegründet. Die Wahl des Termins war augenscheinlich durch die unmittelbar bevorstehende IOC-Session bestimmt, die vom 7. bis 9. Mai 1951 stattfand und die letzte Gelegenheit bot, in einem regulären Verfahren die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1952 sicherzustellen. Sie hielt der DDR außerdem die Möglichkeit offen, ihre politische Doppelstrategie weiterzuverfolgen, die sich zwischen den Polen deutsche Einheit und staatliche Anerkennung bewegte.

Die Wiener Entscheidung des IOC war für die DDR enttäuschend. Während das bundesdeutsche NOK (protokollarisch in der französischen IOC-Amtssprache als „l’Allemagne de l’Ouest“ bezeichnet) auf Empfehlung des Exekutivkomitees ohne formelle Abstimmung voll anerkannt wurde, musste das DDR-NOK eine Ablehnung seines Aufnahmeantrags hinnehmen: Es musste sich mit der an beide Seiten gerichteten IOC-Aufforderung begnügen, unverzüglich Verhandlungen über eine gemeinsame Olympiamannschaft und ein gemeinsames  Olympisches Komitee aufzunehmen, über deren Resultate nach Monatsablauf dem IOC Bericht erstattet werden sollte. Es war absehbar, dass diese zwischendeutsche Abstimmung in Anbetracht der Ausgangslage scheitern musste. Ritter von Halt schrieb nach der zweiten Gesprächsrunde am 21.Mai an Bundeskanzler Adenauer:“Auch diese Besprechung leitete ich so, daß sie ergebnislos verlaufen mußte. Die Beratungen selbst waren außerordentlich schwierig, weil die Vertreter der Ostzone sich zu jedem Entgegenkommen bereit erklärten und weil sie ihre Wünsche auf eine zahlenmäßige Vertretung in dem gesamtdeutschen Komitee auf ein Minimum herabzusetzen gewillt waren.“(9) Nach dem Scheitern der bilateralen deutschen Gespräche formulierte das IOC-Exekutivkomitee unter Vorsitz des IOC-Vizepräsidenten Brundage am 22. Mai in Lausanne ein Kommunique, das schließlich trotz erheblicher ostdeutscher Bedenken von beiden Seiten unterzeichnet wurde. Es enthielt für das NOK der DDR eigentlich unannehmbare Festlegungen:(1)Gemäß den olympischen Regeln wird anerkannt, dass nur ein deutsches NOK Mitglied im IOC sein kann. (2) Beide Seiten bilden für die Olympischen Sommerspiele 1952 in Helsinki eine gemeinsame Mannschaft, für die das NOK Deutschland-West verantwortlich sein soll(10). Für die Bestätigung dieses Kommuniques wurden die DDR-Abgesandten Edel und Scharch(11) nach ihrer Rückkehr durch Walter Ulbricht persönlich scharf gerügt, doch erweckte die DDR-Presse den Eindruck, in Lausanne seien Verabredungen getroffen worden, die eine gleichberechtigte Teilnahme von DDR-Sportlern ermöglichten. Erst am 2. September 1951 erklärte das NOK der DDR die Vereinbarungen von Lausanne  mit der Begründung für nichtig, das westdeutsche NOK habe sie gebrochen, weil es weder Konsultationsgespräche zur Aufstellung einer gemeinsamen Olympiamannschaft initiiert noch Verhandlungen über ein gemeinsames Komitee angeboten habe. Eine letzte deutsche Initiative, die Blockade zu überwinden, scheiterte im November 1951. Zwei Gesprächsrunden hatten für beide Seiten nur noch eine Alibifunktion im Propagandalärm der Schuldzuweisungen. Dabei musste das bundesdeutsche NOK berücksichtigen, dass sich eine deutliche Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung (im Juni 1951 waren es nach einer Allensbach-Umfrage 62%)  für eine gemeinsame Mannschaft und ein gemeinsames Komitee ausgesprochen hatte. Auch eine letzte Initiative des IOC-Vizepräsidenten Brundage konnte den Wunsch der Olympiaveranstalter von Helsinki nicht erfüllen, eine gemeinsame deutsche Mannschaft an den Start zu bringen. Der Einigungsversuch von Kopenhagen scheiterte am 8. Februar 1952, bevor er begonnen hatte. Über die Schuldfrage gibt es bis heute keine Klarheit. Das (unverschuldete) verspätete Eintreffen der DDR-Verhandlungsgruppe und ihr (als provozierend empfundener) Wunsch nach einer Rekreationspause vor Gesprächsbeginn provozierten vor allem den noch amtierenden IOC-Präsidenten Sigrid Edström, der mit seiner Geduld am Ende war und das Unternehmen abrupt absetzte.

Die Rolle der Fachverbände

Die westdeutsche Seite hatte damit diese erste Runde der sportpolitischen Auseinandersetzung auf dem Weg nach Olympia durch die wohlwollende Unterstützung der westlich orientierten IOC-Mehrheit eindeutig für sich entschieden. Doch dieser Erfolg erwies sich als vorläufig und zweischneidig: Die internationalen Fachverbände wollten und konnten eine Isolierung der Sportler aus der DDR, die zudem durch ein rasch ansteigendes Leistungsniveau auf sich aufmerksam machten, nicht dauerhaft akzeptieren. Sie waren zusätzlich mit einer widerspruchsvollen Situation konfrontiert. Einerseits hatten sich  in verschiedenen Sportarten innerdeutsche Sportbeziehungen mehr oder weniger intensiv entwickelt, andererseits schlossen die Statuten der meisten Fachverbände den offiziellen Sportverkehr mit Nichtmitgliedern aus. Für den neutralen Beobachter ergab sich im Hinblick auf den gesamtdeutschen Sport ein irritierendes Bild: Im August 1949 hatten erste Deutsche Meisterschaften im Rudern stattgefunden (die noch bis 1957 ausgetragen wurden). 1951 wurden in West-Berlin Deutsche Tischtennismeisterschaften veranstaltet und 1953 nahm – ein einmaliges Ereignis – eine gesamtdeutsche Mannschaft an der Europameisterschaft im Baketball in Moskau teil. Für diese erstaunlichen Vorgänge gibt es einfache Erklärungen, die sich aus der unterschiedlichen Haltung der  internationalen Fachverbände zu den deutschen Verhältnissen ergeben. Als einziger Fachverband hat der Internationale Amateur-Basketball-Verband FIBA die 1932 erworbene deutsche Mitgliedschaft nach Kriegsende nicht aufgehoben. Der Internationale Tischtennis-Verband ITTF hatte im Ergebnis enger früher gesamtdeutscher Kontakte schon 1951 die internationale Startberechtigung gesamtdeutscher Mannschaften durch die Anerkennung eines „Arbeitsausschusses Deutschland“ legitimiert. Und der Internationale Verband der Ruder-Vereine FISA hat die DDR-Sektion zwar erst 1955 formell als Mitglied aufgenommen, aber keine Einwände gegen Deutsche Meisterschaften erhoben und von 1955 bis 1965 gesamtdeutsche Mannschaften bei internationalen Titelkämpfen starten lassen(12).

Diese Beispiele zeigen, dass die westdeutschen Fachverbände keineswegs eine einheitliche Haltung im Hinblick auf gesamtdeutsche Sportbeziehungen einnahmen, teilweise auch entgegen den Erwartungen und Pressionsversuchen der bundesdeutschen Politik unabhängig und eigenverantwortlich agierten. Jakob Kaiser, Minister für gesamtdeutsche Fragen, hatte sich 1951 dezidiert gegen innerdeutsche Sportkontakte mit der plakativen Behauptung ausgesprochen, man trete dabei nicht „gegen deutsche Sportler, sondern gegen die Beauftragten der russischen Besatzungsmacht“ an(13).

Ausgangspunkt für den Versuch, eine einheitliche Haltung der Fachverbände für den innerdeutschen Sportverkehr zu entwickeln, war eine Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sport vom 7. Mai 1950: „Ein offizieller Sportverkehr mit der Ostzone soll nur dann aufgenommen werden, wenn dies unter freien demokratischen Grundsätzen möglich ist. Die Verbände halten einen Erfahrungsaustausch aufrecht, der Freundschaftsverkehr soll weiter gepflegt werden.“(14) Diese Haltung wurde vom DSB in seinen Stuttgarter Beschlüssen vom 27. Mai 1951 grundsätzlich bestätigt und präzisiert. Danach sollten Sportbegegnungen nur dann stattfinden, wenn eine agitationsfreie Durchführung sichergestellt und eine Genehmigung durch den Fachverband erfolgt wäre(15). Unabhängig von den internationalen Fachverbänden hatten die Schwerathleten am 22. November 1950 die Deutsche Athleten-Union (DAU) gegründet, die selbst nach Aufnahme der Sektion Ringen der DDR in den Internationalen Amateur-Ringer-Verband FILA am 17. Juli 1952 zunächst weiter bestehen blieb. Die negative Haltung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), der sich bis 1956 erfolgreich gegen eine eigene Mitgliedschaft des (Ost-)Deutschen Verbandes für Leichtathletik (DVfL) im Internationalen Amateur-Leichtathletik-Verband IAAF gewehrt hatte, und der gesamtdeutsche Schulterschluss der DAU bildeten die beiden Pole eines schillernden Spektrums der westdeutschen Fachverbände. Diese divergierende Praxis veranlasste den DSB im Januar 1952 auf dem Bundestag in München eine „einheitliche Haltung“ der Fachverbände im innerdeutschen Sportverkehr zu fordern und dabei die Verhandlungsführung zu reklamieren. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass auch die internationalen Fachverbände unterschiedliche Positionen bezogen hatten. So hatte die DDR Ende 1952 die Mitgliedschaft in 12 internationalen Fachverbänden erreicht, darunter im Skisport, Fußball, Boxen und Schwimmen.

Das Krisenjahr 1952

Während der DDR-Sport erste Erfolge im Hinblick auf eine internationale Anerkennung registrieren konnte, wurde das Olympiajahr für die innerdeutschen Sportbeziehungen zu einem Krisenjahr, das zugleich eine wichtige Zäsur in der deutschen sportpolitischen Entwicklung markierte. Am 27. Mai 1952 wurden für Sportler aus West-Berlin diskriminierende Sonderbestimmungen (Ausfüllen von Fragebögen mit inquisitorischem Inhalt) bei Einreisen zu Sportbegegnungen in der DDR festgelegt, die den Sportverband Berlin veranlassten, den „Sportverkehr mit der SBZ“ abzubrechen. Das DSB-Präsidium solidarisierte sich am 20./21. September 1952 in den „Oberweseler Beschlüssen“ mit seinem Berliner Verband: „Der Deutsche Sportbund stellt sich mit einstimmigem Präsidialbeschluß hinter den Sportverband Berlin. Mit all seinen Fachverbänden und Vereinen bricht er daher auch seinerseits mit sofortiger Wirkung den gesamten Verkehr mit den Sportorganisationen der sowjetisch besetzten Zone und des Berliner Ostsektors ab.“(16) Die Resonanz auf diese konsequente Entscheidung war unter westdeutschen Sportlern unterschiedlich, auch die Fachverbände reagierten zwischen rückhaltloser Unterstützung und grundsätzlicher Kritik mit der Begründung, dass die Mitglieder des DSB an dieser Entscheidung nicht beteiligt worden waren. Einzelne Sportgruppen haben den DSB-Beschluss auch unterlaufen, indem sie zu Wettkämpfen in die DDR reisten. Vor allem die Gegner der Oberweseler Beschlüsse mögen überrascht gewesen sein, dass die DDR schnell einlenkte und Ende November durch den Deutschen Sportausschuss ihre Verhandlungsbereitschaft signalisierte. Bereits am 12. Dezember wurden in West-Berlin Verhandlungen zwischen dem DS und dem DSB aufgenommen. Sie führten zur Rücknahme der Oberweseler Beschlüsse und zum Abschluss des „Berliner Abkommens“, das etwas euphemistisch als „der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag auf dem Gebiet des Sports“(17) bezeichnet worden ist und als Rahmenvereinbarung mit vergleichbarer Bedeutung erst durch das deutsch-deutsche Sportprotokoll 1974 abgelöst wurde(18). Die westdeutsche Seite konnte  zwei Verhandlungserfolge verbuchen. Sie erreichte die Aufhebung der Sonderbestimmungen für Westberliner Sportler und die – freilich unverbindliche –  Zusage des DS, „seine bisherigen Bemühungen, den Westberliner Sportlern Vergünstigungen zu verschaffen, fortzusetzen“. Außerdem konnte sie für gesamtdeutsche Sportveranstaltungen eine erstmals von beiden Seiten anerkannte Neutralitätsverpflichtung durchsetzen, die u.a. „parteipolitische Ansprachen“ sowie „Ausschmückungen…mit parteipolitischen Tendenzen“ untersagte, ebenso „Flaggen, außer der schwarz-rot-goldenen und den Flaggen oder Wimpeln der beteiligten Sportorganisationen, zu hissen“. Als Gegenleistung zu den ostdeutschen Zugeständnissen „empfiehlt“ der DSB im Berliner Protokoll seinen Fachverbänden „die Anerkennung des Anspruchs der Sektionen der DDR auf Aufnahme in die internationalen Fachverbände“(19).

Ob es sich beim Berliner Abkommen um einen „Pyrrhussieg“(Ulrich Pabst) für den DSB handelte, ist zu bezweifeln. Dass der DSB damit „in verklausulierter Gestalt“ die „Drei-Staaten-Theorie“ unterschrieben habe, ist schwer nachvollziehbar(20). Für den Sport war die unbestrittene Zugehörigkeit des Sportverbandes Berlin zum DSB und zu den internationalen Fachverbänden entscheidend, ein weitergehendes politisches Mandat konnte ihm nicht zukommen. Außerdem bot die Vereinbarung zur politischen Enthaltsamkeit bei Sportveranstaltungen eine formale Berufungsgrundlage gegen propagandistischen Missbrauch, auch wenn ihre Wirksamkeit begrenzt sein mochte. Das wichtigste westdeutsche Zugeständnis erfolgte im Hinblick auf die internationalen Fachverbände, wobei der DSB seine abwehrende Haltung zu einem Zeitpunkt aufgab, als seine Verhandlungsstrategie zunehmend erodierte und teilweise auch als politisch motivierte Obstruktionshaltung wahrgenommen wurde(21). Willi Daume hat den Positionswechsel rückblickend damit begründet, „auf internationalem Parkett nicht das makabre Schauspiel bieten zu wollen, daß die Deutschen sich bemühen, andere Deutsche vom internationalen Sportverkehr auszuschließen“(22).

Zwischen Entspannung und Repolitisierung

Der DSB-Präsident Daume hatte bereits Anfang 1953 die ermutigende Feststellung getroffen, der gesamtdeutsche Sport sei „einer der wenigen noch möglichen Versuche, letzte Fäden der deutschen Gemeinsamkeit weiterzuspinnen“(23). Im November 1953 wurden nach einem Beschluss beider Fachverbände  Deutsche Meisterschaften im Schwimmen veranstaltet, im folgenden Jahr organisierten die Fachverbände gemeinsame Meisterschaften in sieben Sportarten (Rudern, Tischtennis, Segeln, Gewichtheben, Rasenkraftsport und Ringen). Allerdings strebte die östliche Seite solche Meisterschaften nur dann an, wenn dabei ein Leistungsniveau und Abschneiden erwartet werden konnte, das „mindestens dem der westdeutschen Sportler entsprechen muss“(24). Im Hinblick auf gemeinsame Mannschaften bei internationalen Meisterschaften kam es gelegentlich auch zu grotesken Zumutungen. So forderte die Sektion Tischtennis der DDR im November 1954 eine paritätische Besetzung der gemeinsamen Mannschaft für die kommenden Weltmeisterschaften in Bombay, unabhängig von der sportlichen Leistung.

Ein Beschluss der 2.Parteikonferenz der SED im Juli 1952 hatte zur Bildung eines in den  Ministerrat der DDR eingegliederten „Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport“ geführt(25). Mit der Leitung wurde Manfred Ewald beauftragt, der damit zum führenden Funktionär des DDR-Sports aufsteigen sollte. Nach dem Prinzip der doppelten Unterstellung war der DDR-Sport dadurch nicht nur unter Kontrolle der Parteiführung, sondern auch unmittelbar in die staatliche Leitungsstruktur eingebunden. Der DS war damit weitgehend entmachtet und nur noch für die innerdeutschen und internationalen Sportbeziehungen zuständig, für die ein staatsunabhängiger Verband nach den Regeln des IOC erforderlich war. Die Hoffnungen auf eine politische Enthaltsamkeit des DDR-Sports, die mit dem Berliner Abkommen verbunden waren,  sollten sich schon bald als trügerisch erweisen.1954 instrumentalisierte die SED auch den Sport massiv für Propagandakampagnen gegen die Pariser Verträge, die sich gegen die bevorstehende Westintegration der Bundesrepublik richteten. Diese verstärkte Repolitisierung von Sportkontakten hatte für den DDR-Sport allerdings einen Rückschlag in ihren Bemühungen um olympische Anerkennung zur Folge. Im Mai 1954 wurde ein erneuter Antrag des NOK der DDR auf Anerkennung durch das IOC mit deutlicher Mehrheit abgelehnt.

Der Weg nach Melbourne

Zu einem Meinungsumschwung im IOC hat eine Reise des IOC-Präsidenten Brundage beigetragen, der im Juli 1954 die Allunions-Spartakiade in Moskau besuchte und dabei mit dem ostdeutschen NOK-Funktionär Erich Riedeberger zusammentraf. Zusammen mit dem sowjetischen NOK-Präsidenten Adrianow signalisierte Riedeberger die Bereitschaft der DDR, eine gemeinsame Olympiamannschaft zu bilden. Der kurz vor der 50. IOC-Session in Paris gestellte neue Aufnahmeantrag wurde in erster Linie politisch begründet: „Die DDR ist ein souveräner Staat mit eigener unabhängiger Regierung, mit diplomatischen und Handelsbeziehungen zu vielen Ländern der Welt und hat deshalb wie jedes andere Land ein Recht auf anerkannte olympische Vertretung. Das NOK der DDR ist entsprechend den Satzungen des IOC unabhängig und selbständig.“(26) Nachdem NOK-Präsident Heinz Schöbel in einem Vorgespräch mit Brundage die Frage verneint hatte, ob das DDR-NOK eine politische Organisation sei, war der Weg frei. Am 17. Juni 1955 erkannte das IOC das NOK der DDR provisorisch an: „Es wird mit 27 zu 7 Stimmen entschieden, daß das Olympische Komitee der Demokratischen Republik von Deutschland (Ost) vorläufig und mit der Maßgabe anerkannt wird, daß diese Anerkennung automatisch erlischt, wenn es sich als unmöglich herausstellen sollte, eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft zu bilden und diese nach Melbourne zu entsenden. Im Falle, daß Schwierigkeiten auftreten, bietet sich der IOC-Präsident an, als Schlichter zwischen beiden Olympischen Komitees zu wirken. Es versteht sich von selbst, daß das IOC nach der Wiedervereinigung nur ein Deutsches Olympisches Komitee für das ganze Land anerkennen wird.“(27) Dieser protokollarisch fixierte Beschluss ist politisch ebenso widersprüchlich wie die entstandene Lage. Das IOC hatte die Antragsbegründung des DDR-NOK, einen souveränen, unabhängigen Staat zu repräsentieren, durch seine provisorische Anerkennung gerade nicht akzeptiert, indem es die Perspektive der Wiedervereinigung, die vor allem der Haltung Brundages entsprach, in den Vordergrund rückte und ausdrücklich den Übergangscharakter der getroffenen Entscheidung betonte. Andererseits bedeutet die Formulierung von den „beiden deutschen Olympischen Komitees“ eine erste Annäherung an die von der DDR geforderte Gleichberechtigung. Diese wurde jedoch unter den Vorbehalt gestellt, dass die provisorische Anerkennung für das NOK der DDR bei einem Scheitern der Verhandlungen „automatisch erlischt“.Die DDR stand daher unter einer Art Einigungszwang, wollte sie den mühsamen Teilerfolg von Paris nicht gefährden.

Der Grundsatzentscheidung des IOC folgten zwischen August 1955 und Januar 1956 vier schwierige Verhandlungsrunden. Doch haben sie ohne Mitwirkung internationaler Akteure zu Kompromissen geführt, die sich auch später als tragfähige Rahmenbedingungen für eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft erweisen sollten. Für die Nominierung der Olympiateilnehmer wurden gesamtdeutsche Olympiaausscheidungen vereinbart, die von den Fachverbänden organisiert werden sollten. Gegen den ursprünglichen Widerstand der ostdeutschen NOK-Vertreter erreichte das westdeutsche NOK, dass es die wichtige symbolpolitische Funktion des Chef de Mission für sich durchsetzen konnte, ohne dass für die ostdeutschen Sportler zusätzlich ein eigener Mannschaftsführer konzediert wurde. Erst in der letzten Verhandlungsrunde kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo konnte dieses ostdeutsche Zugeständnis erreicht werden, das eine massive öffentliche Kritik Walter Ulbrichts hervorrief: „Wer die Führung hat, ist nicht gleich! Vom Standpunkt des Kampfes um das friedliche und demokratische Deutschland ist es notwendig, daß die Deutsche Demokratische Republik absolut gleichberechtigt teilnimmt; das ist das Minimum.“(28) Diese Konzession ließ erkennen, dass die DDR ihre Olympiateilnahme unter keinen Umständen aufs Spiel setzen wollte. Einfacher war es, sich über Flagge, Hymne und Emblem zu einigen. 1956 hatten beide deutschen Staaten noch die gleiche schwarz-rot-goldene Fahne, die erst 1959 durch das Staatsemblem der DDR ergänzt und im Westen als „Spalterflagge“ strikt abgelehnt wurde. Die westliche Seite favorisierte zunächst eine Regelung, für Olympiasieger die jeweilige Landeshymne zu spielen, bei Erfolgen einer gemeinsamen Mannschaft (etwa bei Staffelwettbewerben in der Leichtathletik oder im Schwimmen) sollte auf das Abspielen einer Hymne verzichtet werden. Diese Regelung rief das Auswärtige Amt auf den Plan, das die Befürchtung hegte, die „Becher-Hymne“ könnte die Anerkennungsbemühungen der DDR fördern. So einigte man sich am 15. Oktober 1955 in Köln, Beethovens Hymne an die Freude für deutsche Olympiasieger erklingen zu lassen. Zum Politikum wurde auch das Emblem, das die deutschen Sportler auf ihren Trikots tragen sollten. Ende August hatte das westdeutsche NOK dafür den Adler auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund vorgeschlagen, diese Lösung war für die DDR nicht akzeptabel. Daher verständigte man sich am 12. November in Ost-Berlin auf die Olympischen Ringe im schwarz-rot-goldenen Feld (29).

Die VII.Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo (26. Februar bis 5. März) und die XVI. Sommerspiele in Melbourne (22. November bis 8. Dezember) haben die getrennten Deutschen 1956 für kurze Perioden zum ersten Mal wieder vereint. Es war ein konfliktreicher Prozess, der dieses Ergebnis ermöglichte. Und wenn auch manche Politiker, zumal die SED-Führung, die gewonnenen Medaillen wieder nach Ost und West separierten, freuten sich die allermeisten Menschen in Deutschland in gleicher Weise über die Erfolge ost- und westdeutscher Sportler: von Ossi Reichert, die im Riesenslalom der Spiele von Cortina siegte, bis zu Wolfgang Behrendt, der im Boxen die erste Goldmedaille eines DDR-Athleten gewann. Dass es gelungen ist, die gemeinsame deutsche Olympiamannschaft auch bei den Olympischen Spielen 1960 und 1964 zu erhalten und eine gemeinsame Flagge und Hymne bis zu den Olympischen Spielen in Mexiko zu verteidigen, kann als ein wichtiger Beitrag des Sports zur symbolpolitischen Darstellung der „Einheit der deutschen Nation“ gewürdigt werden (30). Es gab keinen sinnfälligeren Ausdruck für diese deutsche Gemeinsamkeit in Zeiten der Spaltung, bevor diese selbst Geschichte wurde.

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Anmerkungen

(1)  Für diese Studie konnte vor allem auf zwei gründliche Untersuchungen zurückgegriffen werden: Ulrich Pabst: Sport – Medium der Politik. Der Neuaufbau des Sports in Deutschland nach dem 2.Weltkrieg und die innerdeutschen Sportbeziehungen bis 1961, Berlin 1980; Norbert Lehmann: Internationale Sportbeziehungen und Sportpolitik der DDR.Teil I: Entwicklung und politische Funktionen unter besonderer Berücksichtigung der deutsch-deutschen Sportbeziehungen, Münster 1986. Interessante Einzelstudien enthält der Sammelband von Wolfgang Buss/Christian Becker (Hrsg.): Der Sport in der SBZ und frühen DDR.Genese – Strukturen – Bedingungen, Schorndorf 2001.

(2)  Vgl. dazu Lorenz Peiffer/Matthias Fink: Zum aktuellen Forschungsstand der Geschichte von Körperkultur und Sport in der DDR. Eine kommentierte Bibliografie, Köln 2003.

(3)  Zit. nach Pabst (wie Anm.1), S.76.

(4)  Ebd.

(5)  Walter Ulbricht: Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bd.III, Berlin 1953, S.477.

(6)  Pabst (wie Anm.1), S.58.

(7)  Heinz Andrae: Der Berliner Sport zwischen Ost und West, in: Berliner Sport, H.1/1952, S.130.

(8)  Der IOC-Exekutivausschuss befand am 19.Oktober 1949: „Der einzige strittige Punkt ist, daß Deutschland eigentlich in zwei Teile geteilt ist. Andererseits scheint aber auch diese Frage gelöst, da das deutsche NOK, das in Bonn gebildet wurde, unter seinen Mitgliedern einen Vertreter Ostdeutschlands hat…“ (Sportinformationsdienst vom 20.10.1949, Blatt 3).

(9)  Zit. nach Pabst (wie Anm.1), S.185.

(10) Vgl. Bulletin du Comité International Olympique, Lausanne 27/1951.

(11) Über die politische Vorinstruktion, den Gesprächsablauf in Lausanne und die Reaktion der Parteiführung nach Rückkehr berichtet (nach seiner Flucht in die Bundesrepublik) der ostdeutsche NOK-Vertreter Werner Scharch: Ist der Sport ein politisches Phänomen? Unveröff. Manuskript 1964.

(12) Aufgrund von Beschlüssen der internationalen Fachverbände starteten bei den Leichtathletik-Europameisterschaften von 1956 bis 1964 gesamtdeutsche Mannschaften, ebenso bei den Weltmeisterschaften im (Feld-)Handball von 1956 bis 1961.

(13) Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hrsg.): Sportverkehr mit der Sowjetzone? Ja oder Nein? Ein Wort an die deutschen Sportler der Bundesrepublik, Bonn 1951, S.6.

(14) Zit. nach Pabst (wie Anm.1), S.142.

(15) Vgl. dazu Lehmann (wie Anm.1), S.137ff.

(16) Zit. nach Lehmann (wieAnm.1), S.142.

(17) Martin H. Geyer: Der Kampf um nationale Repräsentation. Deutsch-deutsche Sportbeziehungen und die „Hallstein-Doktrin“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, H.1/1996, S.62.

(18) Vgl. dazu die sorgfältige Studie von Hans-Dieter Krebs: Das deutsch-deutsche Sportprotokoll. Entwicklungsgeschichte und politische Bedeutung -eine quellenhistorische Analyse ( sportwiss.Diss.), Mainz 2001.

(19) Der Text des Berliner Abkommens ist dokumentiert bei Krebs (wie Anm.18), Quellenteil, S.3 – 5 , hier S.4f.

(20) So Pabst (wie Anm.1), S.155. Diese Einschätzung wird von Lehmann (wie Anm.1), S.145 als „treffend“ übernommen.

(21) Die Geschichte der Aufnahme von DDR-Sektionen in die internationalen Fachverbände für den Zeitraum von 1950 bis 1955  behandelt ausführlich Lehmann (wie Anm.1), S.284ff. Vgl. insbesondere Schaubild 7 (S.288). Ende 1955 war die DDR in 19 internationalen Fachverbänden (darunter 14 olympischen Sportarten) als Mitglied vertreten.

(22) Zit. nach Pabst (wie Anm.1), S.174.

(23) Ebd., S.156.

(24) So formulierte es eine Beschluss-Empfehlung des DS-Sekretariats im März 1954. Zit. nach Krebs (wie Anm.18), S.57.

(25) Dieses Komitee, dem auch die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) unterstellt wurde, spielte bei der staatlichen Förderung des Leistungssports in der Folgezeit eine zentrale Rolle. Zu diesem Zweck wird an der DHfK am 1.September 1956 eine Forschungsstelle eingerichtet.

(26) In: Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der DDR (Hrsg.): München 1972 – Schicksalsspiele?Dokumentation über den Mißbrauch der olympischen Bewegung und ihrer Spiele durch den deutschen Imperialismus, Berlin 1969, S.28.

(27) Zit. nach Guido von Mengden: Tatsachen und Daten zur Geschichte des gesamtdeutschen Sportverkehrs, in: Deutscher Sportbund (Hrsg.): Jahrbuch des Sports 1959/60, Frankfurt/Main 1959, S.57.

(28) Zit. nach Wolfgang Eichel u.a. (Hrsg.): Geschichte der Körperkultur in Deutschland von 1945 bis 1961, Berlin 1967, S.170.

(29) Vgl. dazu ausführlich Lehmann (wie Anm.1), S.307ff.

(30) Zum Komplex der gesamtdeutschen Olympiateilnahme vgl. insbesondere Karl Adolf Scherer: 75 Olympische Jahre. Eine Dokumentation über die olympische Bewegung in Deutschland 1895-1970, München 1970; Arnd Krüger: Deutschland und die Olympische Bewegung (1945-1980), in: Horst Ueberhorst (Hrsg.): Leibesübungen und Sport in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart (Geschichte der Leibesübungen, Bd.3/2), Berlin 1982, S.1051ff.; Manfred Blödorn (Hrsg.): Sport und Olympische Spiele, Reinbek 1984.

© Rüdiger Thomas

In: Helmut Wagner [Hrsg.]: Europa und Deutschland Deutschland und Europa. Münster 2005, S.257-272

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