Zum Tod von Werner Maibaum

Zum Tod von Werner Maibaum

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2007

 

Ein Brückenbauer mit Phantasie und Leidenschaft

Zum Tod von Werner Maibaum

 

Wer Mitte der 1960er Jahre im Kölner Ostkolleg der Bundeszentrale für politische Bildung ein Seminar besuchte, konnte dort als Referenten häufig einem Professor begegnen, der eine Koryphäe und gleichzeitig ein seltenes Original war: Joseph M. Bochenski. Der aus Polen stammende, an der Universität Fribourg in der Schweiz lehrende Dominikaner, der leidenschaftlich Rennwagen steuerte und noch mit mehr als 60 Jahren einen Flugschein erwarb, war ein scharfsinniger Philosoph und ein renommierter Kommunismusforscher, ein prominenter Wissenschaftler und ein begnadeter Pädagoge. Mit einem 1956 erstatteten Gutachten für das Bundesverfassungsgericht, das später unter dem Titel „Die Freiheit im Lichte des Marxismus-Leninismus“ veröffentlicht wurde, hat er seinerzeit zum Verbot der KPD  einen wesentlichen Beitrag geleistet, wie die Lektüre der Urteilsbegründung erkennen lässt.

Seit Anfang 1964 leitete Werner Maibaum das Ostkolleg, in dem ich im gleichen Jahr auf Vermittlung von Günther Stökl und Bochenski als wissenschaftlicher Mitarbeiter meinen eigenen Berufsweg begann. Maibaum war 1956/1957 Assistent von Bochenski gewesen und hat  in diesen beiden Jahren als  Redakteur am „Handbuch des Weltkommunismus“ mitgearbeitet, das Bochenski gemeinsam mit Gerhart Niemeyer, der an der University of Notre Dame/USA tätig war, projektiert und herausgegeben hat. Nach einem Studium der Geschichtswissenschaft an den Universitäten Göttingen, Freiburg und Marburg war Werner Maibaum bei Ludwig Dehio promoviert worden. Seine Begegnung mit Bochenski sollte für seinen späteren Berufsweg wesentliche Bedeutung haben, kam er doch auf diese Weise sehr früh mit der internationalen Kommunismusforschung in Verbindung. 1957 wechselte er in die seit fünf Jahren bestehende Bundeszentrale für Heimatdienst (seit 1963 Bundeszentrale für politische Bildung), wo er als Redakteur der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ seine Kenntnisse und Kontakte, die er in Fribourg erworben hatte, für seine neue Aufgabe fruchtbar machen konnte.

Als Leiter des Ostkollegs versuchte Maibaum bereits in den ersten Jahren die dort maßgeblich von Bochenski, Hans-Joachim Lieber und seinem zeitweiligen Vorgänger, dem Osteuropahistoriker Karl-Heinz Ruffmann konzeptionell geprägte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem internationalen Kommunismus nicht nur als Abgrenzung zu verstehen, sondern zu einem kommunikativen Prozess zu entwickeln. Als sich die Reformimpulse des Prager Frühlings regten, knüpfte er – angeregt durch seinen Freund Heinz Hofmann, der als ARD-Korrespondent in Prag arbeitete –    Kontakte zu Ota Sik, die Hoffnung auf einen endlich beginnenden Ost-West-Dialog im Ostkolleg weckten. Mir bleibt die Bestürzung unvergessen, als wir am 21. August 1968 gemeinsam am Radio die deprimierenden Berichte über die sowjetische Intervention hören mussten.

Erst nach der Ratifizierung der Ostverträge mit Polen und der UdSSR sollte es dann gelingen, erste Studienreisen mit deutschen Schulbuchautoren und Hochschullehrern, zumeist Historiker und Geographen, zu realisieren und Referenten aus diesen Ländern ins Ostkolleg einzuladen. Dass der Durchbruch im schwierigen Feld der Wissenschaftskontakte zuerst mit Polen gelang, erklärt sich vor allem durch die Aktivität der beiden Vorsitzenden der deutsch-polnischen Schulbuchkommission, Walter Mertineit und Wladyslaw Markiewicz, gleichzeitig Vizepräsident der Polnischen Akademie der Wissenschaften, die eine Kooperation mit dem Ostkolleg nachdrücklich unterstützten. Sie wurden später durch gemeinsames Tun auch zu Freunden Maibaums.

Etwas später ermöglichte das tatkräftige Engagement des sowjetischen Botschaftsrats Igor Maximytschew, dass auf einer Studienreise nach Moskau Kontakte zwischen deutschen und russischen Historikern angebahnt werden konnten, die später auch bei Seminaren in Köln als Referenten zu Gast waren.

Das Ost-West-Beziehungsgeflecht, das Werner Maibaum behutsam, phantasievoll und konsequent gemeinsam mit seinen engagierten Mitarbeitern knüpfen konnte, hatte weitere Schwerpunkte in Jugoslawien und Ungarn. Nachdem eine erste Studienreise mit deutschen Geographen in das lange verschlossene, von der Kulturrevolution erschütterte Land  im Oktober 1978 gelungen war, kam auch die Volksrepublik China hinzu, die in den 1980 Jahren vermehrt in den Fokus des Ostkollegs rücken sollte.

Als besonders schwieriges Kapitel erwiesen sich die Bemühungen, die Barrieren im deutsch-deutschen Verhältnis zu überwinden. Auch nach Abschluss des Grundlagenvertrages war es nicht möglich, direkte Kontakte zu wissenschaftlichen Einrichtungen in der DDR, beispielsweise dem von Walter Friedrich geleiteten Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig, herzustellen. Das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW), gleichzeitig dem ZK der SED und dem Ministerrat der DDR unterstellt, erwies sich als einzige Anlaufstelle und kanalisierende Instanz, durch deren Vermittlung nach schwierigen, kontroversen Gesprächen in Einzelfällen auch vom IPW benannte Referenten aus der DDR ins Ostkolleg eingeladen werden konnten (für die sich nicht nur die Seminarteilnehmer, sondern auch der westdeutsche Verfassungsschutz interessierte).

Seit den 1970er Jahren hatte das Ostkolleg die thematische Zentrierung auf den internationalen Kommunismus durch die Einführung der sogenannten Deutschland-Tagungen erweitert, wobei für die Konzipierung dieses neuen Seminarmodells Karl Dietrich Bracher, Richard Löwenthal, Oskar Anweiler, Hans-Adolf Jacobsen und Peter Christian Ludz wichtige Anreger waren. Vor allem Ludz hat durch die seit 1971 publizierten „Materialien zum Bericht zur Lage der Nation“ zur Profilierung der Deutschland-Tagungen wesentlich beigetragen, indem er mit seinem soziologisch fundierten Konzept des Systemvergleichs die tradierte Form der Systemauseinandersetzung, die sich am Totalitarismusmodell orientiert hatte, in den Hintergrund drängte. Aus der Zusammenarbeit mit Ludz ist bereits 1972 im Ostkolleg der Sammelband „Wissenschaft und Gesellschaft in der DDR“ entstanden, in dem Maibaum mit einer Studie zur Geschichtswissenschaft in der DDR vertreten war.

Maibaums intellektuelle Neugier und sein diplomatisches Geschick haben gleichermaßen dazu beigetragen, dass das Ostkolleg in den 1970er Jahren, unterstützt durch das Wohlwollen der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes und ihres Leiters Barthold C. Witte, zu einem wichtigen Dialogforum mit den Nachbarn im Osten werden konnte – in einer Periode, in der die Anbahnung wissenschaftlicher Kontakte noch Pionierarbeit darstellte. Den deutschen Einigungsprozess hat Maibaum mit Enthusiasmus und Ideenreichtum begleitet, indem er zahlreiche Seminare projektierte, die der Begegnung von Wissenschaftlern und Pädagogen neue Horizonte eröffnete.

Als Werner Maibaum 1992 altersbedingt seine Tätigkeit als Leiter des Ostkollegs beendete, hat er sich keineswegs einem geistigen Ruhestand hingegeben,sondern seine frühen Begabungen und Neigungen neu belebt. Als Redaktionsmitglied in der von Barthold C. Witte geleiteten Zeitschrift liberal konnte er Erfahrungen einbringen, die er als Redakteur der „Parlament“-Beilage „Aus Politik und Zeitgeschichte“ gesammelt hatte. Und mit der 1998, dem Jahr seines 70. Geburtstages,  in der neuen Reihe der Bundeszentrale „Deutsche ZeitBilder“ publizierten „Geschichte der Deutschlandpolitik“ ist es ihm gelungen, die verwickelte Beziehungsgeschichte zwischen den beiden Staaten in Deutschland mit einer prägenden Periode seiner eigenen Lebensgeschichte in Verbindung zu bringen. An den Beginn seiner Tätigkeit in der Bundeszentrale erinnert die 2004 erschienene Gründungsgeschichte des Ostkollegs der Bundes-zentrale für Heimatdienst 1956/57, die in einer akribischen Archivrecherche die Ursprünge der Ost-West-Auseinandersetzung im Spannungsfeld des Kalten Krieges, unmittelbar nach dem KPD-Verbot, in Erinnerung ruft.

Werner Maibaum bleibt als ein engagierter Dialogpartner unvergessen, der geschickt und wirkungsvoll am intellektuellen Brückenbau zwischen Ost und West bereits zu einer Zeit mitwirkte, als mit dem Beginn der Vertragspolitik gerade erst seine tragenden Pfeiler installiert worden waren. Seinen Mitarbeitern bleibt er als kollegialer Chef und vielen auch als inspirierender, warmherziger Freund in dankbarer Erinnerung. Am 23. April 2007 ist er in Köln gestorben.

 

 

In: Deutschland Archiv, 40. Jg. (2007), H. 3, S. 404-405.

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