DDR-Forschung in Multiperspektive

DDR-Forschung in Multiperspektive

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DDR-Forschung in Multiperspektive

Rüdiger Thomas, Bergisch Gladbach

 

Jens Hüttmann: DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der  bundesdeutschen DDR-Forschung. Berlin: Metropol  Verlag 2008, 472 S., 24.

 

Jens Hüttmann hat mit seinem Buch „DDR-Geschichte und ihre Forscher“, das aus einer Dissertation bei Alf Lüdtke (Universität Erfurt) hervorgegangen ist, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Sicht auf die DDR-Forschung vor und nach dem Ende der DDR zu entemotionalisieren. Es ist ein nicht zu überschätzender Vorzug, dass der Autor selbst kein DDR-Forscher gewesen ist und daher aus der Distanz des Unbeteiligten auf die Entwicklung eines stets umstrittenen Forschungsfeldes blicken kann, dessen Geschichte einen Zeitraum von nahezu 60 Jahren umfasst. Dabei hat Hüttmann auch forschungsstrategisch einen neuen Weg beschritten, der seine Untersuchung deutlich über den frühen, 1991 publizierten Überblick von Heinz-Peter Hamacher („DDR-Forschung und Politikberatung 1949 – 1990“) hinausführt. Er hat insgesamt 24 Personen, renommierte Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen, den zuständigen Beamten für die Wissenschaftsförderung im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen (Peter Dietrich) sowie  Mark Naimark von der Stanford University auf der Grundlage eines Leitfadens befragt, um ihre „lebensgeschichtliche Betroffenheit“ (43) in seine Darstellung als relevanten Erklärungsfaktor einzubeziehen. Außerdem hat er Fragen zu ihrem eigenen Forschungsverständnis, zur Ein-schätzung der DDR-Forschung vor 1989 und zur Entwicklung seit der deutschen Vereinigung gestellt (402 – 403). Diese Aussagen werden in seinem Werk als hermeneutisches Hilfsmittel herangezogen, ohne dass sich der Autor ihre Einschätzungen stets zueigen machen würde. Eine Stärke des Buches ist über-haupt, dass Hüttmann jeden anmaßenden Ton vermeidet und sein Erkenntnisinteresse zuallererst darauf gerichtet ist, Positionen der DDR-Forschung in ihrem Entwicklungsverlauf sich selbst und den Lesern verständlich zu machen.

Hüttmann gliedert seine Darstellung in drei Zeitabschnitte: Unter dem Rubrum „Von der SBZ- zur DDR-Forschung“ behandelt er den Zeitraum von 1945 bis 1967. Die „alte“ DDR-Forschung umgreift in der Sichtweise des Autors eine Periode von mehr als 30 Jahren: „Zwischen Krise, Verwissenschaftlichung und Sonderdisziplin (1957 – 1990)“. Schließlich scheut Hüttmann nicht das reizvolle Risiko, die Jahre seit 1990 im Wahrnehmungshorizont „Kritik, Forschungsboom und ‚neue’ Verwissenschaftlichung“ in seine Forschungsbilanz einzubeziehen.

Das Kapitel, in dem die Gründerjahre der DDR-Forschung erörtert werden, ist dem Autor am besten gelungen. Die lebensgeschichtliche Perspektive kommt in aufschlussreichen Kurzporträts führender Protagonisten der Forschung (wie Ferdinand Friedensburg, Bruno Gleitze, Otto Stammer, Ernst Richert, Max Gustav Lange), besonders eindrucksvoll in dem informationsgesättigten differenzierenden Text über Karl C. Thalheim (73 – 81) zur Geltung. Auch im Fokus der Institutions- und Organisationsgeschichte gelingt Hüttmann eine klare Strukturierung der Information. Außerdem eröffnet er interessante neue Einblicke in die Entwicklung der DDR-Forschung am Berliner Institut für politische Wissenschaft (IfpW). Max Gustav Lange, Ernst Richert und Otto Stammer hatten sich in einer Arbeitsgruppe zusammengefunden, die eine Grundlagenstudie „Das Problem der neuen Intelligenz in der sowjetischen Besatzungszone“ formulierte, in der sie schon im August 1953 gegen das statische Totalitarismusmodell von Carl Joachim Friedrich kommunistische Herrschaftssysteme als „historisch-dynamische Gebilde“ (135) auffassten. In einigen grundlegenden Arbeiten von Otto Stammer und insbesondere in Ernst Richerts Hauptwerk  „Macht ohne Mandat“(1958) sind die konzeptionellen Ansätze expliziert, die Peter Christian Ludz seit 1964 umfassend konkretisiert hat und die in seinem Buch „Parteielite im Wandel“(1967) kulminieren. „Methodisch war nun vorgesehen, die DDR sowohl ‚immanent’ als auch kritisch zu untersuchen, das heißt, sie teilweise unter den Bedingungen ihrer Ideale und analytischen Kategorien zu sehen.“(153) Der Abschnitt über das IfpW zeichnet konzise und überzeugend den Weg nach, der für die DDR-Forschung in den siebziger Jahren wichtige neue Impulse vermittelt hat.

Das Kapitel über die „Blütezeit“ der DDR-Forschung bis 1990 macht noch einmal den engen Zusammenhang bewusst, der zwischen der neuen Deutschlandpolitik der sozialliberalen Koalition und dem Vorrang neuer sozialwissenschaftlicher Forschungskonzepte unter dem maßgeblichen Einfluss von Ludz bestand.

Über die Bedeutung und die Forschungsleistungen von Ludz, seine wissenschaftstheoretische Position eines kritischen Rationalismus und seine Forderung nach einer empirischen Analyse der DDR im Bezugsfeld einer auch immanenten Betrachtung der DDR, die proklamierte Ziele und Systemperformanz in ihrem Widerspruch zu fassen sucht, ist schon so viel geschrieben und gestritten worden, dass hier ein Hinweis genügen soll. Hüttmann interpretiert „Parteielite im Wandel“ geradezu kontrastierend zu den gängigen Deutungen: Ludz habe die in seinem Buch elaborierte Hypothese von einem Vordringen des Expertenwissens gegenüber der dogmatischen Führungselite selbst falsifiziert: „Das entscheidende Ergebnis (…) sei, dass sich das System in seiner ‚totalitären Struktur’ zum ‚konsultativen Autoritarismus’ verändert habe – die Grund-struktur aber sei erhalten geblieben!“ (206). Ludz hat die Entwicklungstendenzen in der DDR – wie eine Relektüre zeigt – in der Tat  vorsichtiger eingeschätzt als ihm zumeist unterstellt wird: „Die Frage, wie – und ob überhaupt – der Konflikt zwischen der Autorität der politischen Entscheidungselite und der funktionalen Autorität der Parteifachleute schließlich aus-getragen wird, ist heute noch nicht zu beantworten.“ (Ludz, a. a. O., S. 152) Diese Formulierung deckt zwar nicht in toto das Urteil Hüttmanns, doch rückt sie neu ins Bewusstsein, wie vergröbernd manche Auseinandersetzungen in abwertender Absicht geführt worden sind, ohne die Forschungsergebnisse genau zu erfassen.

Der Autor war allerdings nicht gut beraten, die DDR-Forschung der siebziger und achtziger Jahre in einem Kapitel zusammenzubinden. In seiner Darstellung bleiben die achtziger Jahre nahezu vollständig ausgeblendet. Der Hinweis auf die Gründung der Gesellschaft für Deutschlandforschung (die bereits im April 1978 erfolgte) oder die Erwähnung der „Materialien zum Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland“, die 1987 unter Leitung von Karl C. Thalheim vorgelegt wurden, erscheinen eher als Stichworte, während die siebziger Jahre eingehend reflektiert werden. Dadurch bleibt eine erhebliche Lücke in der Darstellung. Sie hat ihren Hauptgrund vermutlich im methodischen Ansatz von Hüttmann, der seine Darstellung um die zentralen Protagonisten der DDR-Forschung fokussiert.

In den achtziger Jahren hat die Forschung keine vergleichbar einflussreichen neuen Persönlichkeiten hervorgebracht wie in den Jahrzehnten zuvor. Karl Wilhelm Fricke, dem wir alle wichtigen Studien zur Staatssicherheit sowie zu Widerstand und politischer Verfolgung in der DDR verdanken, galt als jour-nalistischer Außenseiter, dem die Zunft der DDR-Forscher das heikle Thema von Repression und Unterdrückung in der SED-Diktatur seit Ende der sechziger Jahre überlassen hat. Hermann Webers große Verdienste bei der Erforschung der DDR-Geschichte reichen in die siebziger Jahre zurück und finden in dem von ihm 1981 gegründeten und geleiteten Mannheimer „Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR“ in erster Linie eine Fortsetzung und Erweiterung in der Planung neuer groß dimensionierter Forschungsvorhaben. Hartmut Zimmermann war die letzte Autorität, die nach dem Weggang von Ludz aus Berlin nach Bielefeld und München am ZI 6 noch eine inspirierende Bedeutung für die sozialwissenschaftliche DDR-Forschung hatte, aus der sich Sigrid Meuschel mit ihrer Studie „Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR“ (die dann erst 1992 erschienen ist) besonders profilieren konnte. Zim-mermann hat noch im Mai 1989 gemeinsam mit Werner Weidenfeld das von der Bundeszentrale für politische Bildung initiierte „Deutschland Handbuch“ herausgegeben, das ein neues Konzept des deutsch-deutschen Systemvergleichs erprobte. Es ist ebenso wenig erwähnt wie die wichtigen Studien zum Bildungssystem der DDR, die Oskar Anweiler vor-gelegt und in seinem Bochumer Institut angeregt hat. Auch fehlen die zahlreichen wichtigen Beträge zur Gesellschaftsgeschichte und zur Soziologie der DDR (erwähnt seien fragmentarisch Walter Jaide und Barbara Hille mit ihren Jugendstudien, Gisela Helwig mit ihren Beiträgen zur Situation der Frauen, Dieter Voigt zur Entwicklung der Sozialstruktur). Das gilt ebenso für die Kulturgeschichte (um nur auf Irma Hanke und Antonia Grunenberg zu verweisen).

Die Einbeziehung dieser Forschungsleistungen aus den achtziger Jahren hätte insbesondere die fortschreitende Pluralisierung der Forschungskonzepte und die Substanziierung der Forschungsresultate im Bereich der sozialwissenschaftlichen DDR-Forschung aufgezeigt. Sie verdeutlichen, dass euphe-mistische Erwartungen an grundlegende Veränderungen in der DDR, die seit Mitte der sechziger Jahre durch konvergenztheoretische Deutungsmuster in der DDR-Forschung nachweisbar sind, einer deutlichen Ernüchterung – bei den gleichen Autoren – gewichen sind. Die sozialwissenschaftliche DDR-Forschung hat in dieser Endphase der DDR Krisensymptome erkannt und benannt: den fortschreitenden Entfremdungs-prozess zwischen Führung und Gesellschaft, die wachsende Entfernung der jungen Generation vom „Modell DDR“, die Zunahme der Desillusionierung über den „real existierenden Sozialismus“. So bleibt in Jens Hüttmanns Buch eine empfind-liche Lücke, die durch eine gesonderte Studie möglichst bald geschlossen werden sollte.

Das Kapitel über die DDR-Forschung nach 1990 konnte verständlicherweise nur einen resümierenden Charakter haben. Seit der deutschen Vereinigung hat es eine kaum überschaubare Zahl von Konferenzen und Fachtagungen gegeben, die sich der kritischen Aufarbeitung der alten DDR-Forschung gewidmet haben und neue Forschungsergebnisse auf einer umfassenden Quellenbasis vorstellen konnten. Schließlich enthalten die Materialien der beiden Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung und Überwindung der Folgen der SED-Diktatur viele Expertisen, die wichtige Forschungsergebnisse zusammenfassen. In den neunziger Jahren sind neue Forschungszentren entstanden, von denen Hüttmann als „kurze Skizze“(339) das Zentrum für Zeithistorische Forschungen, das Militärgeschichtliche Forschungsamt, das Hannah-Arendt-Institut und die neu gegründete Außenstelle Berlin des Münchner Instituts für Zeitgeschichte erwähnt, ohne auf ihre oft bemerkenswerten Forschungsergebnisse einzugehen.

Hingegen wird der Forschungsverbund SED-Staat, der sich 1992 an der FU Berlin etabliert hat, nicht nur in der Revue neuer Forschungsinstitutionen präsentiert. Vielmehr rücken seine Initiatoren und konzeptionellen Vordenker Klaus Schroeder und Jochen Staadt, zu denen wenig später auch Manfred Wilke stößt, in den Mittelpunkt einer vergleichsweise detaillierten kritischen Betrachtung, die weniger auf ihre eigenen relevanten Beiträge zur DDR-Forschung ausgerichtet ist als auf ihre Fundamentalkritik an der alten sozialwissenschaftlichen DDR-Forschung vor 1990. Diese Schwerpunkt-setzung Hüttmanns ist nur bedingt nachvollziehbar und wohl vornehmlich aus der Dramaturgie seines Buches zu erklären. Unter den Kritikern der alten DDR-Forschung gab es ja durchaus höchst differenzierte Analysen, beispielsweise von Eckhart Jesse oder Günther Heydemann. Die überspitzten Attacken von Schroeder und Staadt haben Hüttmann offenbar besonders gereizt, seine eigene Lust an der polemischen Auseinandersetzung zu erproben. Dass er dabei die Verdikte der beiden Fundamentalkritiker über weite Teile der alten DDR-Forschung in ihrem Gehalt zu unterminieren weiß, bietet eine zuweilen erfrischende Lektüre, doch fragt man sich, ob damit nicht eine übertriebene Bedeutungszuweisung verbunden ist.

Doch diese Einschränkungen ändern nichts an dem Gesamteindruck: Hüttmanns Studie ist ein wichtiger Impuls für eine neue Sicht auf die Geschichte der DDR-Forschung, eine Heraus-forderung für eine Spurensuche nach ihren fortwirkenden Erträgen aus der Vergangenheit und ein Anstoß, die Aufgaben einer künftigen gesamtdeutschen Historiographie zu überdenken, in der die DDR nicht nur als bloße Fußnote erscheint, sondern als gelebte Generationengeschichte.

 

© Rüdiger Thomas

 

In: Deutschland Archiv, 42. Jg. (2009), H.1, S.147-150.

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