Die Macht der Bücher

Die Macht der Bücher

Text als Word-Dokument downloaden: Heimliche_Leser.doc

 

Die Macht der Bücher

Rüdiger Thomas, Bergisch Gladbach

 

Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag (Hg.): Heimliche Leser in der DDR. Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur, Berlin: Ch. Links Verlag 2008, 406 S., 29,90

 

Dieses Buch weckt Erinnerungen an eigene Erlebnisse im inner-deutschen Grenzverkehr. Es war ein beklemmendes Gefühl: Als ich bei einem Leipzig-Besuch mit Herbert Marcuses „Versuch über die Befreiung“ (1973) die Grenze passieren wollte, hatte ich mir ausgedacht, die Kontrolle mit einer offensiven Strategie zu überlisten. „Führen Sie Schriften mit sich?“ fragte die argwöhnisch blickende Kontrolleurin. „Nur ein Buch über den antiimperialistischen Befreiungskampf“ war die Antwort, der ein anerkennender Blick folgte. Und der Reisende atmete erleich-tert auf, hatte er doch gleichzeitig Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ im Gepäck, das wohl kaum als astronomisches Lehrbuch durchgegangen wäre.

Der Weg zu den „heimlichen Lesern“ in der DDR war stets ein kleines Abenteuer, das durch die erfreuten Reaktionen der Beschenkten reichlich belohnt wurde. Aber es gab nicht nur die lesehungrige Neugier, sondern auch die rigorose Schnüffelei des Überwachungsstaates, die sich an der martialischen Parole orientierte: „Der Feind kommt nicht durch“ (265).  Ein besonders erschreckendes Beispiel für die Unterdrückung unerwünschter Publikationen bietet der Beitrag von Hans-Hermann Dirksen über die Broschüre der Zeugen Jehovas „Wachtturm“. Seit dem Verbot von 1950 wurden Einfuhr und Verbreitung drakonisch bestraft. In der DDR lebten etwa 12.000 Zeugen Jehovas, von denen etwa 6.000 von Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren (292). In diesem Zusammenhang erfährt der Leser  auch, dass in einem im Juli 1980 vom Zoll entdeckten VW-Transporter nicht weniger als 42.000 Exemplare des „Wachtturm“ expediert werden konnten (19), wie Siegfried Lokatis in seinem aufschlussreichen Einleitungsbeitrag „Lesen in der Diktatur“berichtet (11 – 23).

Während bis 1961 Westberlin eine vorrangige Bezugsquelle darstellte, war in den Jahren nach dem Mauerbau zunächst der Postweg die wichtigste Übermittlungsform. Auch wenn die Zahl der Postsendungen um ein Vielfaches höher war, weist doch die Beschlagnahme von 70.000 Sendungen mit 420.000 Druck-erzeugnissen bis Anfang 1966 (265) auf die Überwachungsintensität hin, mit der die von der SED gefürchtete geistige Konterbande bekämpft wurde.

Doch die Fahnder konnten gegen den Einfallsreichtum der Bücherfreunde letztlich nur bescheidene Erfolg erzielen. Die Lektüre der Geschichten, in denen berichtet wird, wie die Barrieren der Überwachung durch die List der  praktischen Vernunft überwunden worden sind, bereitet daher besonderes Vergnügen, zumal sich dabei zeigt, wie vielfältig und einfallsreich die „heimlichen Leser“ bei der Beschaffung ihrer Objekte der Begierde vorgingen. Der Bücherschmuggler  Rainer Eckert, der u. a. eine Drahtinstallation auf dem Zugklo als Versteck benutzte, beschaffte sich nicht nur „Karl May von der Oma“ (113 – 118). Und wer den Westen nicht besuchen konnte, versuchte auf der Leipziger Buchmesse, sich seine Wünsche zu erfüllen. So heißt es1975 im „Abschlussbericht des Operativen Einsatzstabes“ der Staatssicherheit: „Nach wie vor traten bei einigen Verlagen Diebstähle von Exponaten auf, wobei einige (…) offensichtlich keinen Wert darauf legen, derartige Hand-lungen zu verhindern, sondern diese zum Teil noch begünstigen. Z. B. hielt sich das Standpersonal von Suhrkamp zeitweise außerhalb des Standes auf. Beim Verlag S. Fischer eigneten sich Standbesucher unter den Augen des Personals Bücher an.“ (238)

Das Buch „Heimliche Leser in der DDR“ ist ein Geschenk nicht nur für Bibliomanen, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte der DDR und zur Beschreibung ihrer intellektuellen und subkulturellen Milieus. Es dokumentiert eine Tagung, die im September 2007 im Leipziger Haus des Buches veranstaltet worden ist und mit 40 Beiträgen exemplarische Einblicke in die Paradoxien einer „Literaturgesellschaft“ bietet, in der das Pathos von der „allseits gebildeten Persönlichkeit“ durch Zensur und Überwachung zur tragischen Illusion verkam. Simone Barck, der wir das gemeinsam mit Siegfried Lokatis und Martina Langermann verfasste grundlegende Werk „Jedes Buch ein Abenteuer“(1984) verdanken, das „Zensursystem und literarische Öffentlichkeiten in der DDR bis Ende der sechziger Jahre“ offenlegt, hat die Tagung noch maßgeblich vorbereitet. Den Erfolg des Projekts, an dem auch das Zentrum für Zeithistorische Forschung beteiligt war, konnte sie nicht mehr erleben, da sie zwei Monate zuvor verstorben war. Ihrem Andenken ist der in jeder Hinsicht gewichtige Band gewidmet.

Der besondere Reiz dieses Buches liegt darin, dass Zeitzeugen zu Wort kommen, die facettenreich ihre höchst verschiedene persönliche Erfahrungen und Erlebnisse im Streben nach den ersehnten Büchern mitteilen. Zuweilen hat man den Eindruck, in eine surreale Welt zu blicken, in der die Dialektik von Überwachung und Überlistung absurde Purzelbäume schlägt. Dass dabei die listigen Leser den Kopf meist oben behalten, ist ein Hauptgrund es Lesevergnügens, das uns dieses originelle Buch bereitet. Bücher haben „Fenster im Dickicht“ geöffnet, wie sich eine Kapitelüberschrift variieren lässt. Dazu haben auch listenreiche Verleger wie Roland Links oder wagemutige  Herausgeber und Übersetzer wie Fritz Mierau beigetragen. Darüber informiert ein Gespräch mit Ingrid Sonntag (77 -87). Als sie abschließend Roland Links fragt, was sein erstes heimlich gelesenes Buch gewesen sei, nennt er Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ – die literarische Abrechnung mit Stalins Schauprozessen, die das Ende einer Illusion markieren.

 

© Rüdiger Thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *