Geschichte als Drama

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Geschichte als Drama

Rüdiger Thomas, Bergisch Gladbach

Friedrich Dieckmann: Deutsche Daten oder Der lange Weg zum Frieden, Göttingen: Wallstein Verlag 2009,190 S, 19,90

Friedrich Dieckmann zählte in der DDR zu den selbstbewussten Persönlichkeiten, die durch den von Karl Mannheim geprägten Begriff der „freischwebenden Intelligenz“ treffend charakterisiert sind. Der 1937 in Landsberg an der Warthe (auch dem Geburtsort Christa Wolfs) geborene Sohn des späteren Volkskammerpräsidenten, Johannes Dieckmann, studierte in Leipzig Germanistik, Philosophie und Physik und machte sich schon in den 1960er Jahren als freier Schriftsteller und Essayist einen Namen. Nur kurze Zeit wurde dieses unabhängige Dasein, das durch viele Reisen in wichtige westliche Kulturzentren wesentlich inspiriert und privilegiert war, durch eine Tätigkeit als Dramaturg am Berliner Ensemble (1972-1976) unterbrochen. Bis 1989 hat Dieckmann seine Publikationen vor allem musikgeschichtlichen und kulturhistorischen Themen gewidmet: Wagner, Verdi, Mozart und das Theater standen dabei im Vordergrund eines Werkes, für das ihm u. a. 1983 der Internationale Kritikerpreis der Stadt Venedig verliehen wurde.

Der konzise konzipierte Sammelband mit sieben Beiträgen zur deutschen Nachkrieggeschichte, den der durch seine literarischen und kulturhistorischen Editionen renommierte Wallstein Verlag im Herbst 2009 publiziert hat, bietet vielfältige Denkanstöße, die Bedeutung des Jubiläumsdoppeljahres 1989/90 in einem weit gespannten historischen Horizont zu reflektieren. Im letzten Jahrzehnt sind zahlreiche umfassende Darstellungen zu diesem Themenkreis erschienen, aus unterschiedlichen Perspektiven konzipiert. Doch die gewichtigen Kompendien von Heinrich August Winklers „Der lange Weg nach Westen“ (Band II) bis zu Hans-Ulrich Wehlers abschließendem 5. Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ lassen die in Dieckmanns Vorwort eingangs gestellte Frage nicht obsolet werden: „Fehlt es den staatlich wiedervereinigten Deutschen für die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg immer noch an tieferem national-geschichtlichem Interesse?“(7) Weiter konstatiert Dieckmann: „Was, mit rühmlichen Ausnahmen, zu kurz kam, war ein historischer Blick, der die Situation und die Erfahrungen der Deutschen in zwei aus Besatzungszonen hervorgegangenen Republiken als kontrastierende und interferierende Ergebnisse einer Situation begriff, die in der Suspendierung des deutschen Ge-samtstaats durch agonale Siegermächte bestanden hatte.“ (8)

Wie ein solches Vorhaben gelingen kann, führt Dieckmann in sieben zeithistorischen Kabinettstücken vor. Sechs der im Zeit-raum von 1994 bis 2006 entstandenen Beiträge, die hier in vielfach ergänzter Fassung neu zugänglich werden, spannen den Bogen historischer Reflexion von der „Zeit-Zone des Übergangs“ am Ende des Zweiten Weltkriegs über die doppelte Staatsgründung, den Aufstand vom 17. Juni 1953 bis zur Selbstbefreiung der Gesellschaft im ostdeutschen Herbst von 1989. Wenn Dieckmann seinen Überblick über die Entwicklung der DDR im Spannungsfeld der Ost-West-Politik mit dem Titel „Geschichte als Drama“ versieht, verbirgt sich darin auch ein Hinweis auf seine Darstellungskunst, historische Abläufe in einem spannungsvollen Gefüge zu inszenieren, sodass die Lektüre auch dort Vergnügen bereitet, wo man seine prononcierten Urteile nicht teilen mag (etwa im Hinblick auf die Rolle Hans Modrows am 8. Oktober 1989 in Dresden).

Der an den Beginn des Bandes platzierte Essay „Das Vertragsfest“, der hier als Originalbeitrag publiziert ist, beschreibt den 3. Oktober als eine plausible Wahl für unseren Nationalfeiertag, nachdem er verschiedene Alternativen, von drei denkwürdigen Beschlüssen der Frankfurter Paulskirchen-Nationalversammlung 1848/1849 ausgehend, über den 17. Juni 1953, den 9. Oktober (in Leipzig) und den 9. November 1989 diskutiert hat. Obwohl seine Sympathie für den Tag der Maueröffnung deutlich ist, verwirft er dieses Datum, weil es durch den 9. November 1938 unvermeidbar kontaminiert ist.

Friedrich Dieckmann ist ein deutscher Intellektueller, der sich – wie Peter Bender, dem er seinen Beitrag „Olymp im Nebel“ zu dessen 80. Geburtstag einst gewidmet hatte – jenseits der Grenzen und Denkkonventionen bewegt, sich keinem Ost-West-Schema einfügt. In seinem abschließenden „Versuch über die Deutschen“ erinnert Dieckmann an Immanuel Kant, auf dessen Charakterisierung der Deutschen in seiner „Anthropologie, in pragmatischer Absicht“ er interpretierend Bezug nimmt: „Auf der einen Seite: Bescheidenheit, kein Nationalstolz, eine natürliche Weltoffenheit und Gastfreundlichkeit, auf der andern Seite derselben Veranlagung: Distinktionssucht, Pedanterie, Obrigkeits- und Autoritätshörigkeit, die sich in der Erziehung reproduzieren.“ (152). So hatte es Kant 1798 empfunden – die Leser mögen sich selbst fragen, was sich daran verändert hat. Wie artistisch Dieckmann in seinen Texten Bonmots ins Spiel zu bringen weiß, zeigt sich, wenn er „eine Venezianerin, die schon lange unter den Deutschen wohnt“, zitiert: „Deutsch, das ist etwas, das sich fragt, was deutsch ist.“ (143) Dieckmann belohnt uns mit einem Lesevergnügen, das viele Gedankenblitze erhellen. Ein passendes Jubiläumsgeschenk.

 

© Rüdiger Thomas

In: Deutschland Archiv, 43. Jg. (2010), H. 5, S. 923-924.

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