Von der DDR-Forschung zur kooperativen Deutschland-Forschung

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Von der DDR-Forschung zur kooperativen Deutschland-Forschung

Bilanz und Perspektive eines  umstrittenen Wissenschaftsfeldes

Wer den Wert einer Wissenschaft an ihrer Fähigkeit mißt, künftige Entwicklungen zuverlässig vorherzusagen, könnte leicht geneigt sein, der DDR-Forschung eine pauschale Mängelrüge zu erteilen. Es ist wahr: DDR-Forscher haben Zeitpunkt und Ausmaß der politischen Umwälzung in der DDR ebenso wenig prognostizieren können wie Politiker oder Publizisten. Daß die Menschen ihre Geschichte selbst machen und nicht Objekte einer historischen Zwangsläufigkeit sind, hat uns die gewaltlose deutsche Novemberrevolution 1989 eindrucksvoll gelehrt[1]. Sie hat die Frage nach der Zukunft der Deutschen in unvorhergesehener Weise aktualisiert und damit auch die DDR-Forschung zu einer selbstkritischen Bestandsaufnahme herausgefordert. Dabei ist eine doppelte Aufgabe gestellt:

(1) Im Rückblick soll die Erkenntnis- und Orientierungsleistung der DDR-Forschung reflektiert werden. In diesem Zusammenhang ist sowohl nach ihren Beiträgen zum Verständnis von Geschichte und Gegenwart der DDR als auch nach ihren Desideraten zu fragen.

(2) Auf diesem Hintergrund sollen Perspektiven der DDR-Forschung im Horizont einer sich frei entwickelnden gesamtdeutschen Kommunikationskultur sondiert werden.

Die Anfänge einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Entwicklung im östlichen Teil Deutschlands waren eng mit einer schockierenden politischen Erfahrung verbunden: der deutschen Teilung und der europäischen Spaltung. In der „Stunde Nichts“ (Heinrich Böll) war zunächst eine intellektuelle Aufbruchstimmung entstanden, die auf grenzüberschreitende geistige Kommunikation, die Suche nach einem gemeinsamen neuen Weg, zielte. „Ost und West“ hatte Alfred Kantorowicz programmatisch seine „unabhängige deutsche Monatsschrift“ betitelt, die zwischen Juli 1947 und Ende 1949 erschienen ist. Das Konzept der Zeitschrift erläuterte der Herausgeber in seinem Lizenzantrag, der gleichzeitig an die amerikanische und sowjetische Besatzungsmacht in Berlin gerichtet war: „Sie will bestehen auf dem Grundsatz, daß Deutschland, anstatt der Zankapfel zwischen den Mächten zu werden, die friedliche Brücke zwischen ihnen zu werden versuchen soll. Repräsentative Wortführer der verschiedenen weltanschaulichen Richtungen werden eine Freistatt der Meinungsäußerung in diesem Blatte finden. Die Zeitschrift will eine freimütige Diskussion der Grundprobleme unserer Zeit fördern, sie will indessen keineswegs zum Schlachtfeld parteipolitischer Polemiken werden[2].“ Hier wird exemplarisch das Programm für eine Dialogkultur formuliert, das seiner Zeit weit vorauseilte.

Die verheißungsvollen Ansätze einer gesamtdeutschen Kooperation wurden in der Eiszeit des kalten Krieges zum Teil zusätzlich durch die Schablonen einer propagandistisch verengten Konfrontationsmentalität endgültig außer Kraft gesetzt, nachdem die doppelte Staatsgründung 1949 den weltpolitischen Dualismus auf deutschem Boden institutionell fixiert hatte[3].  Die Genese der DDR-Forschung kann nicht zureichend erschlossen werden, wenn man diesen spezifischen Entstehungszusammenhang außer acht läßt.

Es waren vor allem vom Schicksal der Teilung persönlich betroffene Wissenschaftler, die bei der Analyse der DDR Pionierarbeit geleistet haben, von politischen Institutionen unterstützt, jedoch zunächst nur ansatzweise in den Forschungsbetrieb integriert. Während die Osteuropa-Forschung – vor allem durch die Fächer osteuropäische Geschichte und Slawistik – traditionell an den deutschen Universitäten vertreten war und sich auf diesem gesicherten Fundament intensivieren und disziplinär ausweiten konnte, blieb die DDR- Forschung zunächst vornehmlich ein Politikum. Im Bereich der Universitäten führte die aus den Erfahrungen des Mißbrauchs und der intellektuellen Korrumpierung der Wissenschaften im Nationalsozialismus genährte massive Skepsis gegen jede Form politiknaher Forschung zu verbreiteten Abwehrhaltungen gegen zunächst vorwiegend als Wiedervereinigungswissenschaft betriebene DDR-Studien. Das Mißtrauen galt Analysen, die sich ihrem Gegenstand aufgrund einer unzulänglichen Materiallage eher aus politischem Antrieb und mit spekulativer Orientierung zu nähern suchten als mit dem distanzierten Blick registrierender Objektivität und einem adäquaten methodischen Instrumentarium. Ein erster Schwerpunkt der SBZ- und DDR-Forschung bildete sich im Bereich der Wirtschaftswissenschaften heraus. Das „Deutsche Institut ftir Wirtschaftsforschung“ hat sich unter seinem Präsidenten Ferdinarld Friedensburg schon in den ersten Nachkriegsjahren auch mit der Wirtschaftsentwicklung in der SBZ befaßt. Am 24. März 1952 gründete die Bundesregierung den „Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands beim Bundesministerium ftjr Gesamtdeutsche Fragen“, der einerseits die ökonomische Situation im anderen Teil Deutschlands analysieren und andererseits ein wirtschaftliches Sofortprogramm für den Fall einer Wiedervereinigung erstellen sollte[4].

Im Institut für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin unter Leitung von Otto Stammer wurde bereits Mitte der fünfziger Jahre eine sozialwissenschaftlich orientierte SBZ/DDR-Forschung begründet, die an methodische Konzepte der politischen Soziologie in den USA anknüpfte. Aus diesen Forschungsprojekten gingen die ersten bemerkenswerten Studien zum Herrschaftssystem, zur Kaderpolitik, zu Agitation und Propaganda, Erziehung, Bildung und Wissenschaft in der DDR hervor[5]. Grundlegende Darstellungen zur Rechts- und Verfassungsordnung und zur Geschichte der DDR wurden dagegen erst seit Anfang der sechziger Jahre publiziert[6].

Die frühen Beiträge zur Entwicklung einer DDR-Forschung, die hier nur summarisch rekapituliert werden können, stellen einerseits wichtige Quellen zur Analyse der Frühgeschichte der DDR dar und reflektieren andererseits eine vorherrschende politische Bewußtseinslage in der Bundesrepublik. Es lag offen zutage, daß die politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen in der DDR – der „Aufbau des Sozialismus“ – durch die sowjetische Besatzungsmacht und ihre ‚Gefolgschaftspartei SED etabliert worden waren, ohne durch die Zustimmung der Bevölkerung legitimiert zu sein. Dieser Sachverhalt wurde durch den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 überdeutlich[7]. Die DDR wurde daher in erster Linie als „ein Staat, der nicht sein darf“ (Ernst Richert) wahrgenommen[8].

Auch die DDR-Forschung suchte vor allem diesen Nachweis zu erbringen, indem sie sich auf die Analyse der politischen Bestimmungsfaktoren und Repressionsmechanismen des DDR-Systems konzentrierte und dabei überwiegend das Deutungsmuster der Totalitarismustheorie“[9]bestätigt fand: Die ursprünglich aus der Realanalyse nationalsozialistischer Herrschaft abgeleitete Totalitarismustheorie konnte die prinzipiellen Divergenzen zwischen den westlichen parlamentarischen Demokratien und den staatssozialistischen Ländern aufdecken. Darin erfüllte sie eine wichtige, bis 1989/90 wirksame Funktion. Erkenntnisgrenzen ließen sich jedoch nicht übersehen: Einerseits war die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus für einige Autoren fragwürdig geworden, wobei insbesondere auf die „antifaschistische“ Grundorientierung der sozialistischen Staaten verwiesen wurde. Andererseits vermochte die Totalitarismustheorie zwar die essentiellen Strukturmerkmale des politischen Systems zu erfassen; sie war jedoch sehr viel weniger zur Analyse von ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen geeignet[10]. Schließlich wurde ihre überwiegend abstrakt-theoretische Begründung eines argumentativ fundierten, entschiedenen Antikommunismus in dem Maße problematisiert, wie sich im Zuge der Entspannungspolitik Komponenten einer „antagonistischen Kooperation“ auszubilden begannen.

Die komplexen Wechselwirkungen zwischen politischen Machtsicherungsinteressen und sozioökonomischer Eigendynamik blieben dem ordnungstheoretischen Ansatz der Totalitarismusanalyse ebenso verschlossen wie die Prozesse sozialen Wandels unter den Bedingungen einer effizienzorientierten industriegesellschaftlichen Entwicklung, die sich unter dem Vorzeichen der „wissenschaftlich-technischen Revolution“ in der DDR und anderen sozialistischen Ländern seit Mitte der sechziger Jahre verstärkt ausprägte. Damit rückte die Frage in den Vordergrund, ob die DDR als totalitäre Herrschaftsordnung oder als sozialistische Industriegesellschaft interpretiert werden sollte, womit zugleich das Problem der Vergleichbarkeit von Entwicklungsprozessen in beiden deutschen Staaten aufgeworfen wurde[11].

Der Paradigmenstreit in der DDR-Forschung, der seit Ende der sechziger Jahre fast ein Jahrzehnt lang bis in die Nähe der Polarisierung geführt worden ist[12], war nicht nur eine Kontroverse über Erklärungswert und Reichweite sozialwissenschaftlicher Theorien und Konzepte, sondern wurde nachhaltig durch die Debatten über eine Neuorientierung der Deutschlandpolitik beeinflußt. „Der staatlichen Anerkennung der DDR imJahr 1972 war schon in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ihre wissenschaftliche Anerkennung durch die sich in der Bundesrepublik etablierende DDR-Forschung vorausgegangen, ihr folgte in den siebziger Jahren die verstärkte Aufmerksamkeit der westdeutschen Medien und der Bildungsarbeit rür den anderen deutschen Staat und seine Bewohner[13].“ Auf der ersten Tagung für DDR-Forscher, die vom 19. bis 21. September 1967 in der Akademie für politische Bildung Tutzing stattfand, wandte sich Dieter Haack als Vertreter des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen gegen „Schwarz-Weiß-Malerei“ und „mangelndes Differenzierungsvermögen“ , plädierte für „das Erkennen der Eigengesetzlichkeiten der Gesellschaftsordnung in der DDR und der systemimmanenten Entwicklungsmöglichkeiten“[14]Ludwig Auerbach kritisierte in einer Forschungsbilanz die „einseitige Themenwahl“ und eine „Zentrierung“ auf die Normwissenschaften. Diese führte er vor allem auf eine „stark politisch bedingte Motivlage“ der älteren und mittleren Wissenschaftlergenerationen zurück, die nicht nur „wissenschaftliche Neugier“ befriedigen wollten, sondern „vom persönlichen Engagement her verständlich, auf politische Wirkung“ zielten. Die jüngere Forschergeneration habe aufgrund der „differenten Erlebnisweise der Teilung“ demgegenüber stärker sozialwissenschaftliehe Ansätze erprobt und der Forschung damit neue Impulse vermittelt. Es erscheint durchaus lohnend, an diese Erklärung für                        „ Verständnisschwierigkeiten“ zwischen den DDR-Forschern jener Zeit zu erinnern, weil sie manche Kontroversen erklären hilft, die die DDR-Forschung der siebziger Jahre gekennzeichnet haben. Für den Mangel an sozialwissenschaftlich orientierter DDR-Forschung führte Auerbach allerdings auch mit Recht den Nachholbedarf der Sozialwissenschaften in der Bundesrepublik nach 1945 an, der diese gehindert habe, „korrigierend und relativierend in den Prozeß der wissenschaftlichen Durchdringung des Forschungsgegenstandes DDR“ einzugreifen[15].

Mitte der siebziger Jahre beauftragte das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen eine Expertengruppe, die inzwischen umfangreiche Literatur über die DDR zu sichten und damit nicht nur eine Bestandsaufnahme vorzunehmen, sondern zugleich Hinweise für notwendige neue Forschungsaktivitäten zu erschließen. Die Frage nach Leistungen, Defiziten und Innovationspotentialen der DDR-Forschung bestimmte das „Gutachten zum Stand der DDR- und vergleichenden Deutschland-Forschung“, das in den Jahren 1975 bis 1978 erarbeitet worden ist. Bezeichnenderweise wurde diese voluminöse Studie nicht publiziert, sondern nur als Typoskript für Forschungszwecke zugänglich gemacht. Dieser Sachverhalt macht deutlich, daß die Urteile über das erreichte Niveau der DDR-Forschung unter den Experten erheblich divergierten. Als Gesamturteil über die aktuelle Forschungslage formulierte Peter Christian Ludz, „daß gegenwärtig keine umfassenden, dem Gegenstand angemessenen, plausiblen und akzeptierbaren Konzeptionen, wie denn DDR- und vergleichende Deutschland-Forschung zu betreiben seien, in der Bundesrepublik Deutschland vorhanden sind“[16]. Im Hinblick auf den wissenschaftlichen Standard der DDR-Forschung wird „eine erhebliche, zum Teil besorgniserregende methodische Rückständigkeit gegenüber zahlreichen in den einzelnen Mutterwissenschaften und ihren Subdisziplinen durchgeführten Arbeiten“ registriert[17]. Gleichzeitig wird die mangelnde empirisch-analytische Fundierung der DDR-Forschung kritisiert, woraus die pointierte Forderung nach einer „Entprovinzialisierung“[18]der DDR-Forschung abgeleitet wird. Rückblickend betrachtet, scheint eine solche ernüchternde und schonungslose Bilanz doch einigermaßen überzeichnet, wenn man bedenkt, daß mit den „Materialien zum Bericht zur Lage der Nation“, die von der Bundesregierung 1971, 1972 und 1974 veröffentlicht wurden, drei voluminöse, thematisch weit gespannte vergleichende Darstellungen zur Entwicklung in beiden deutschen Staaten vorgelegt worden waren, die Kapazität und Kompetenz der DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland ebenso unter Beweis gestellt haben wie die Publikation des „DDR-Handbuchs“, das 1975 erschienen ist[19]. Bei diesen ambitionierten Projekten, die auf breite öffentliche Resonanz stießen und ein intensives Interesse an ebenso differenzierter wie detaillierter Information über die DDR in der Bundesrepublik anzeigten, verdient nicht nur die forschungsorganisatorische Leistung von Peter Christian Ludz Respekt, sondern auch die multidisziplinäre Zusammenarbeit, die dabei erfolgreich praktiziert wurde.

Mit den „Materialien“ wurde ein konkretes Informationsbedürfnis befriedigt und zugleich eine neue Stufe der DDR-Forschung erreicht, die sich damit zur vergleichenden Deutschland-Forschung erweitert hatte. Durch Gegenüberstellung und Vergleich sollte ftir relevante Bereiche (insbesondere Wirtschaft, Soziale Sicherung, Bildung und Ausbildung, Bevölkerungs- und Erwerbsstruktur, Jugend) ein reales Bild über die Resultate der Politik in beiden deutschen Staaten gezeichnet werden. Außerdem wurden die Verfassungs- und Rechtsordnungen in beiden deutschen Staaten [20]sowie ihre Einbindung in die Bündnissy steme dargestellt und „eine theoretisch-systematische Interpretation der Einheit der deutschen Nation und der verschiedenen Ordnungsvorstellungen, die über Nation und Staat in beiden deutschen Gesellschaften bestehen“[21], versucht, die für die bundesdeutsche Bevölkerung auch Ergebnisse der Umfrageforschung einbezog.

Während das Totalitarismuskonzept nach Auffassung der Autoren der „Materialien“ auf den strukturellen Systemantagonismus fixiert war, orientierten sich diese in kontrastierender Abgrenzung am kritischen Rationalismus, der empirische Deskription und Werturteil strikt zu trennen sucht[22]. Indem die DDR als sozialistische Industriegesellschaft aufgefaßt wurde, konnten gleichermaßen systemspezifische Bestimmungsfaktoren wie auch systemübergreifende parallele Entwicklungsprozesse und analoge Problemlagen in beiden deutschen Gesellschaften analytisch erfaßt werden. Während es in den „Materialien“ gelungen ist, die verfügbare Datenbasis für wichtige gesellschaftliche Strukturbereiche erheblich zu erweitern, muß gleichzeitig registriert werden, daß nur ansatzweise (das heißt ohne einen entsprechenden theoretischen Bezugsrahmen) Kategorien bereitgestellt wurden, die eine differenzierte Bewertung der Entwicklungsleistungen und -defizite beider deutscher Staaten ermöglicht hätten[23]. Die Kritiker haben den „Materialien“ daher nicht ohne Grund eine positivistische Verkürzung und normative Indifferenz vorgehalten, die durch das Fehlen operationalisierbarer sozialwissenschaftlicher Forschungskonzepte und die eingeschränkte Vergleichbarkeit statistischer Daten für beide deutsche Staaten erklärbar ist.

Die sozialwissenschaftliche DDR-Forschung, zu der Peter Christian Ludz entscheidende Beiträge geleistet hat[24], hat zwar seit Beginn der siebziger Jahre die konkreten Informa tionen über die Entwicklung wichtiger gesellschaftlicher Bereiche erheblich erweitert, doch blieb sie einem spezifischen Erkenntnisdilemma verhaftet: Eine restriktive Publikationsp litik in der DDR, die durch Erfolgspropaganda und die Geheimhaltung kritischer Forschungsergebnisse bestimmt war, behinderte die umfassende Ermittlung sozialer Tatsachen und begünstigte die Neigung zu spekulativen Deutungen. Aus diesem Grund waren die Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik in der DDR-Forschung mitunter fließend. Einerseits zeigte sich ein Hang zum politischen Essentialismus, andererseits eine Neigung zur politischen Urteilsenthaltung, die als Gegengewicht zur postulierten Parteilichkeit der Wissenschaft in den sozialistischen Staaten angesehen wurde.

In bilanzierenden Überblicken[25] wird häufig ein unterschiedliches Entwicklungsniveau für einzelne Gebiete der DDR-Forschung konstatiert. Weit verbreitet ist dabei die Einschät zung, daß Studien zur DDR-Geschichte, zum politischen System und zur Rechtsordnung, zur Wirtschaft und zum Bildungssystem einen höheren Standard erreicht haben als sozialwissenschaftliche Beiträge zur DDR-Gesellschaft. Diese globale Einschätzung bedarf freilich der Relativierung: Die Darstellung politischer und ökonomischer Strukturen, ordnungspolitischer Konzepte, normativer Regelungen und makrostatistischer Daten (mit Einschränkungen in bezug auf Umfang und Validität der DDR-Statistik) war in den erwähnten Disziplinen erheblich einfacher zu leisten als eine wissenschaftlich zuverlässige Rekonstruktion der DDR-Gesellschaft. Der Mangel an gesicherten empirischen Daten erschwerte unübersehbar die Bearbeitung wichtiger Forschungsfelder (etwa Sozialstruktur und sozialer Wandel, materielle und soziokulturelle Lebensverhältnisse, Einstellungen und Verhaltensmuster). Der in diesem Heft der ZParl vonGero Neugebauer vorgestellte „Sozialreport 1990“ vom Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR ist diesbezüglich nur ein Anfang auf der Basis nunmehr freier zugänglicher Informationen.

Außerdem läßt sich nicht übersehen, daß auch die politikwissenschaftliche DDR-Forschung[26] empfindliche Lücken aufweist- Eine normativ-deskriptive oder struktur-funktionale Politikanalyse hat Wahrnehmungsblockaden gegenüber autonomen Entwicklungsprozessen in der DDR-Gesellschaft begünstigt. Sie hat den Repressionscharakter des Systems zwar verdeutlichen können, dabei jedoch die gesellschaftliche Resistenz der DDR-Bürger gegenüber dem Gestaltungsanspruch realsozialistischer Politik weitgehend außer acht gelassen. Die DDR wurde gewissermaßen als politische Inszenierung aufgefaßt, bei der die SED – zwar ohne Ermächtigung – Regie fuhrt, die Bevölkerung aber lediglich als ohnmächtige Komparserie beim schockierenden Staatstheater mitwirkt. Dadurch wurde das Spannungsverhältnis von Politik und Gesellschaft im real existierenden Sozialismus als Forschungsproblem vernachlässigt. Doch dürfen Strukturmerkmale und Programmatik des politischen Systems, der Sozialismus als Staatsmacht, nicht mit seinen tatsächlichen (gewollten und ungewollten) Wirkungen, der realen Gesellschaftsverfassung, gleichgesetzt werden. Durch die disziplinäre Fragmentierung der DDR-Forschung wurde lange Zeit verkannt, in welchem Ausmaß Politikgeschichte und Gesellschaftsgeschichte in der DDR auseinandergefallen waren[27].

Die wirtschaftswissenschaftliche DDR-Forschung[28] hat zwar zahlreiche fundierte Analysen zur Funktionsweise des Wirtschaftssystems und zur Entwicklung der Volkswirtschaft vorgelegt, doch fehlen vergleichbare Studien zu betriebswirtschaftlichen Fragestellungen, eine umfassende Darstellung zur Wirtschaftsgeschichte sowie detaillierte Analysen zur Umweltpolitik[29]. Diese Hinweise sollen andeuten, daß die Resultate der DDR-Forschung in einem erheblichen Umfang durch die Forschungsbedingungen konditioniert waren, die sich flir einzelne Disziplinen sehr unterschiedlich darstellten. Die Quellen- und Materiallage erwies sich flir die sozialwissenschaftliche DDR-Forschung als besonders prekär, weil die publizierten statistischen Daten wenig aussagekräftig waren und keine eigenen empirischen Untersuchungen in der DDR durchgeführt werden konnten. Trotz dieser schwierigen Ausgangslage hat die sozialwissenschaftliche DDR- Forschung seit Mitte der sechzigerJahre zahlreiche wichtige Beiträge zur Entwicklung der DDR-Gesellschaft vorgelegt[30], die das Datendilemma mit Einfallsreichtum – insbesondere durch intensive Nutzung der Sekundär- und Dokumentenanalyse – überbrückt haben. So wurde die Dokumentenanalyse (Inhaltsanalyse) beispielsweise für soziologische Interpretationen der DDR-Literatur[31] und wissenschaftsgeschichtliche Darstellungen[32] fruchtbar gemacht, die DDR-spezifische Mentalitätsstrukturen und Konfliktmuster aufgedeckt haben, während die zahlreich vorhandenen Studien zur Entwicklung unterschiedlicher sozialer Gruppen (insbesondere Jugend, Frauen)[33] vor allem auf einer Sekundäranalyse (selektiv publizierter) soziologischer Untersuchungen aus der DDR basierten.

Der Zugewinn an wissenschaftlicher Qualität, den die DDR-Forschung seit den siebziger Jahren in breitem Umfang erreicht hat, vermochte freilich nicht, ihre politischen Konditionierungen aufzuheben. Sie ist „eine am politischen Nutzwert im weitesten Sinne orientierte Wissenschaft“[34] geblieben und daher immer wieder auch zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden. Aus der DDR wurde ihr häufig genug vorgeworfen, die Liquidation des real existierenden Sozialismus betreiben zu wollen[35]. In der Bundesrepublik wurde mitunter das Gegenteil behauptet und der Verdacht beschönigender Tendenzen geäußert[36]. Zu solchen verwirrenden Einschätzungen mag die DDR-Forschung selbst beigetragen haben, die zeitweilig den Eindruck erweckt hat, „daß die Linke nicht weiß, was die Rechte tut“[37]. Doch greift dieser Hinweis zu kurz: Die Relevanz der DDR-Forschung kann nicht allein durch politische Verwertungsinteressen bestimmt werden. Sie muß sich in erster Linie an ihren originären Erkenntnisleistungen messen lassen. Diese erweisen sich in der Ermittlung von politischen, ökonomischen und sozialen Tatbeständen und in der Analyse von gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen, die ihr Eigengewicht gegenüber dem standortgebundenen Werturteil des Forschers besitzen. Rückblickend wird man konstatieren können, daß erst die Pluralität von Forschungskonzepten und leitenden Fragestellungen sowie die Vielfalt wissenschaftlicher Urteilspositionen die DDR-Forschung in die Lage versetzt haben, ihren komplexen Gegenstand differenziert zu erfassen[38].

Heute hat es den Anschein, als ob die DDR-Forschung an ihr Ende gekommen ist, weil sie im deutschen Einigungsprozeß ihren Gegenstand zu verlieren beginnt. Es gibt freilich gewichtige Argumente, einer solchen Einschätzung zu widersprechen, denn die DDR- Forschung hat ihre Aufgabe noch nicht erfüllt. Die Existenz der DDR umfaßt einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren, sie bleibt ein Bestandteil deutscher Geschichte, der erst jetzt umfassend, unvoreingenommen und ohne politische Restriktionen erforscht werden kann.

Die Historiker erhalten erst jetzt einen ungehinderten Zugang zu geschichtlichen Quellen, die  Sozialwissenschaftler können eigene Feldforschung betreiben. Schließlich eröffnen sich breite Möglichkeiten einer kooperativen Forschung mit jenen qualifizierten Wissenschaft- lern in der DDR, die unter erheblichen Schwierigkeiten Konfliktlagen und Krisensymptome in der DDR-Gesellschaft sondiert haben, wobei manche Projekte blockiert wurden und zahlreiche Forschungsergebnisse in den Schubladen verschlossen werden mußten. Die DDR-Forschung war bisher in einer eigentümlichen Verschränkung auf die Wissenschaft in der DDR bezogen. Sie verstand sich einerseits als deren notwendiges Korrektiv und war doch zugleich auf diese angewiesen. Indem sie die affirmative und apologetische Funktion der Wissenschaft in der DDR kritisierte, profilierte sie sich als realistische Alternative, die dem Gebot der Parteilichkeit, das die „Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten“ (Robert Havemann) überwachte, nicht unterworfen war. Soweit sich DDR-Forschung aber nicht nur als (deskriptiv-kritische) Normwissenschaft verstand, sondern empirisch-analytisch orientiert war, sah sie sich genötigt, die publizierten Forschungsergebnisse aus der DDR – zwar kritisch interpretiert – zu nutzen, weil sie keine Möglichkeit zur eigene Recherchen besaß.

Es scheint angebracht, diese ungewöhnliche Form einer Symbiose wider Willen ins Bewußtsein zu heben, weil dadurch deutlich wird, wie naheliegend der Gedanke einer künftigen Kooperation aus Überzeugung[39] ist, nachdem in der DDR-Wissenschaft die notwendige selbstkritische Bestandsaufnahme erfolgt ist und sich dort die Geister geschieden haben. Das Plädoyer für eine kooperative Deutschland-Forschung setzt voraus, daß zunächst nüchtern Bilanz gezogen wird. Dabei müssen die Konsequenzen benannt werden, die sich aus der Instrumentalisierung der Wissenschaft in der DDR ergeben haben. Der Schriftsteller Christoph Hein hat die verhängnisvollen Resultate der „fünften Grundrechenart“ in deutlicher Weise offengelegt: „In einer Geschichtsbetrachtung, die dieser Grundrechenart huldigt, wird mit Auslassungen, Vernachlässigungen und scholastischen Rösselsprüngen gearbeitet, es wird verschwiegen und geglättet, um aus dem Labyrinth der Geschichte möglichst fleckenlos und schnell zu jenem Ausgang in die Gegenwart zu gelangen, der dem gewünschten Selbstverständnis am nächsten kommt.“ Einer Wissenschaft mit „weißen Flecken“ droht freilich unvermeidlich Einsturzgefahr: „Denn ein mit gewichtigen Lücken entstandenes Gebäude existiert nicht wirklich, mit dem ersten Wind wird es zusammenbrechen[40].“ Diese Einsicht ist in den letzten Monaten auf dramatische Weise bestätigt und von vielen DDR-Wissenschaftlern schmerzlich empfunden worden[41]. Doch sollten wir nicht in den Fehler verfallen, bei einem Neubau auf wertvolle Bruchstücke zu verzichten, die wir jetzt unvoreingenommen und gemeinsam sortieren müssen. Erst jetzt scheint die Zeit gekommen, jene „freimütige Diskussion über Grundprobleme“ zu führen, von der Alfred Kantorowicz bereits 1947 gesprochen hatte. Dabei stehen die Fragen nach einer historischen Ortsbestimmung der Deutschen[42] und ihren Optionen fUr eine gemeinsame Zukunft im Vordergrund. In diesem Prozeß muß die kooperative Deutschland-Forschung ihren Beitrag leisten – kritisch, illusionsfrei und konkret. In diese neue wissenschaftliche Kommunikationskultur sollten alle Disziplinen und möglichst viele Wissenschaftler eingebunden sein. Die kooperative Deutschland-Forschung ist die Fortsetzung der DDR-Forschung im Horizont des deutschen Einigungsprozesses.

Rüdiger Thomas

Anmerkungen


[1]Vgl. dazu Christoph Links/Hannes Bahrmann , Wir sind das Volk. Die DDR im Aufbruch – Eine Chronik, Berlin und Weimar/Wuppertal 1990; Charles Schüddekopf (Hrsg.), „Wir sind das Volk!“ Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution, Reinbek 1990; Hubertus Knabe (Hrsg.), Aufbruch in eine andere DDR. Reformer und Oppositionelle zur Zukunft ihres Landes, Reinbek 1989; Marlies Menge, „Ohne uns läuft nichts mehr“. Die Revolution in der DDR, Stuttgart 1990; Gert-Joachim Glaeßner, Vom „realen Sozialismus“ zur Selbstbestimmung. Ursachen und Konsequenzen der Systemkrise in der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 1- 2/90, S. 3ff.

[2] Alfred Kantorowicz, Deutsches Tagebuch. Erster Teil, München 1959, S. 292f.

[3]  Für diesen Prozeß bieten die Kontakte der Historiker aus beiden deutschen Staaten in den fünfziger Jahren und der Abbruch ihrer Beziehungen auf dem 24. Historikertag in Trier 1958 ein anschauliches Beispiel. Vgl. dazu Rüdiger Thomas, Systemantagonismus und Dialogkultur, in: Clemens Burrichter/Eckart Förtsch (Hrsg.), Konflikt – Konkurrenz – Kooperation. Gedenkschrift für Hans Lades, Erlangen 1989, S. 136ff.

[4] Vgl. dazu insbesondere Karl C. Thalheim, Zur Entwicklung und Gegenwartslage der wirtschaftswissenschaftlichen DDR-Forschung. in: Gottfried Zieger (Hrsg.), Recht, Wirtschaft, Politik im geteilten Deutschland. Festschrift für Siegfried Mampel, Köln 1983, S. 251 ff. – Aus der Arbeit des Forschungsbeirats fü Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands sind neben den fünf „Tätigkeitsberichten“ vor allem zu nennen: Bruno Gleitze, Ostdeutsche Wirtschaft, Berlin 1956; Karl C. Thalheim, Die Wirtschaft der Sowjetzone zwischen Krise und Umbau, Berlin 1964; Bruno Gleitze, Die Industrie der Sowjetzone unter dem gescheiterten Siebenjahrplan, Berlin 1964. – Der Forschungsbeirat wurde 1975 von der Bundesregierung aufgelöst.

[5] Vgl. Max Gustav Lange, Totalitäre Erziehung, Frankfurt/M . 1954: Carola Stern, Porträt einer bolschewistischen Partei. Entwicklung, Funktion und Situation der SED), Köln 1957; Ernst Richert, Macht ohne Mandat, Köln und Opladcn 1958. Die erste frühe fundierte „streng sachlich“ (Vorwort zur deutschen Ausgabe) orientierte Gesamtdartsellung stammt bezeichnenderweise aus Großbritannien: J. Peter Nettl, Die deutsche Sowjetzone bis heute. Politik/Wirtschaft/Gesellschaft, Frankfurt/M. 1953.

[6] Vgl. Siegfried Mampel, Die volksdemokratische Ordnung in Mitteldeutschland. Frankfurt/M. und Berlin 1963; Dietrich  Müller-Römer, Die Grundrechte in Mttteldeutschland, Köln 1966; Martin Jänicke, Der Dritte Weg. Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953, Köln 1964; die erste umfassende Darstellung zur DDR-Geschichte stammt von Hermann Weber , Von der SBZ zur DDR 1945- 1968, Hannover 1968.

[7] Die beste Darstellung ist noch immer Arnulf Baring, Der 17.Juni 1953. Neuausg. Stuttgart 1983; vgl. auch Ilse Spittmann/Karl Wilhelm Fricke (Hrsg.). 17.Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR, Köln 1982.

[8]  Vgl. Ernst Richert, Das zweite Deutschland. Ein Staat, der nicht sein darf, Gütersloh 1964.

[9]  Grundlegend Carl Joachim Friedrich/Zbigniew Brzezinski, Totalitäre Diktatur, Stuttgart 1957. Als Überblick Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hrsg.). Wege der Totalitarismusforsehung. Darmstadt 1968; Manfred Funke (Hrsg.). Totalitarismus, Düsseldorf 1978. Zur Entwicklung einer dynamischen Totalitarismustheorie vgl. Peter Graf Kielmansegg, Krise der Totalitarismustheorie? in: Zeitschrift für Politik (1974) H. 4, S. 311; sowie vor allem Uwe Backes/Eckhart Jesse,  Totalitarismus – Extremismus – Terrorismus, 2. Aufl., Opladen 1985.

[10] Vgl. Peter Christian Ludz,,Entwurf einer soziologischen Theorie totalitär verfaßter Gesellschaft, in:ders.(Hrsg.), Studien und Materialien zur Soziologie der DDR. Sonderheft 8, Köln und Opladen 1964, S. 11 ff.; Volker Gransow, Konzeptionelle Wandlungen der Kommunismusforschung. Vom Totalitarismus zur Immanenz, Frankfurt/M. und New York 1980. Zur Position von Ludz insbesondere Peter Dietrich, Geheimbund oder totalitäre Parker, in: Ideologie und gesellschaftliche Entwicklung in der DDR. 18.Tagung zur DDR-Forschung, Edition Deutschland Archiv 1985. S. 133- 142.

[11] Zur Interpretation der DDR als (sozialistische) Industriegesellschaft vgl. Peter Christian Ludz, Die soziologische Analyse der DDR-Gesellschaft, in: Rüdiger Thomas (Hrsg.), Wissenschaft und Gesellschaft in der DDR, München 1971, S. 11ff.; vgl. auch im Kontext der internationalen Kommunismusforschung David Lane, The Socialist Industrial State, London 1976; Gert-Joachim Glaeßner, Sozialistische Systeme. Einführung in die Kommunismus- und DDR-Forschung, Opladen 1982.

[12] Das Deutschland Archiv hat diese Kontroverse in zahlreichen Beiträgen dokumentiert, die insbesondere 1973 (H. 5 – 10) und 1975/76 (H. 6 -10) publiziert worden sind. Als Ausgangspunkt ist zu nennen Peter Ch. Ludz, Aktuelle oder strukturelle Schwächen der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv 1. Jg. (1968) H. 3. S. 255ff. Eine Bilanz und Deutung versucht Rüdiger Thomas, Reflexionen zur DDR – und vergleichenden Deutschland- Forschung, in: Deutschland Archiv 20. Jg. (1987) H . 10, S. 1062f.

[13] Wilhem Bleek, Das eine und das andere Deutschland, in: Deutschland Archiv 22.Jg. (1989) H. 4, S. 379.

[14]Dieter Haack , Gesamtdeutsche Politik braucht die DDR-Forschung, in: SBZ-Archiv 19. Jg. (1967) H. 20, S. 319 u. S. 321.

[15]Ludwig Auerbach, DDR-Forschung im Spannungsfeld der Politik. in: SBZ-Archiv 18.Jg. (1967) H.20, S. 325f.

[16]Gutachten zum Stand der DDR- und vergleichenden Deutschland-Forschung, erstattet vom Arbeitskreis für vergleichende Deutschland-Forschung unter Vorsitz von Peter Ch. Ludz im März 1978 (als Typoskript hrsg. v. Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen), S. 38.

[17]Ebd., S. 74.

[18] Ebd., S. 79.

[19] DDR-Handbuch. Wissenschaftliche Leitung: Peter ChristianLudz unter MitwirkungvonJohannesKuppe,Köln 1975. Zuletzt DDR-Handbuch. Wissenschaftliche Leitung: Hartmut Zimmermann unter Mitarbeit von Horst Ulrich und Michael Fehlauer, 3. Aufl., Köln 1985.

[20] Dieser Themenkomplex bildete den Inhalt der „Materialien zur Lage der Nation 1972″. Die Darstellung ist „geprägt von der beschreibenden Erfassung überwiegend formaler Strukturen der Rechtsordnungen in beiden deutschen Staaten“. Der weitgehende Verzicht auf einen „Vergleich von Rechtsordnung und Rechtswirklichkeit“ hat zur Folge. daß das angestrebte „Verständnis von Politik, Staat und Gesellschaft“ kaum erreicht wird, da die Mechanismen der Machtausübung in der DDR, die vor allem durch die politische Hegemonie der SED bestimmt    waren, auf diese Weise nicht zureichend erfaßt werden    konnten. Alle Zitate aus: Bericht der Bundesregierung und Materialien zur Lage der Nation 1972, hrsg. v. Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Bonn 1972. S. 19.)

[21] Materialien zum Bericht zur Lage der Nation 1974, hrsg. v. Bundesministerium ftir innerdeutsche Beziehungen, Bonn und Opladen 1974. S. XXI.

[22] Vgl. Bericht der Bundesregierung und Materialien zur Lage der Nation, hrsg. v. Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Bonn 1971, S. 34.

[23] Auf die Grenzen vergleichender quantitativer Forschung kann hier nicht näher eingegangen werden. Sie ergeben sich etwa aus dem Hinweis, daß die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in der Bundesrepublik Deutschland (Bruttosozialprodukt) und in der DDR (Nationaleinkommen) unterschiedlichen Berechnungsmethoden folgt. Ein anderes Beispiel soll illustrieren. daß es problematisch ist, Zahlen für qualitative Schlußfolgerungen zu nutzen, ohne Prüfkriterien zu entwickeln: So kann offenkundig aus dem Organisationsgrad der Bürger in Parteien nicht ohne weiteres auf Intensität und Qualität politischer Partizipation geschlossen werden, sonst hätte die realsozialistische DDR diesbezüglich weltweit eine führende Stellung eingenommen. Die Entwicklung eines Indikatorensystems und einer darauf basierenden Sozialberichterstattung hätten den zwischendeutschen Vergleich auf eine neue Stufe heben können, doch stieß dieser Ansatz, der Anfang der achtziger Jahre sondiert wurde, angesichts der restriktiven Forschungspraxis in der DDR und der Geheimhaltung sozialstatistischer Daten auf unüberwindliche Grenzen. Vgl. dazu den Forschungsbericht von Rüdiger Thomas, Sozialindikatoren als Evaluationskriterien für systemvergleichende Analysen (untersucht am Beispiel der beiden deutschen Staaten), Köln 1982 (Typoskript). Siehe auch den interessanten Beitrag von Marie-Louise von Bergmann-Winberg, Wohlfahrt, Lebensniveau und Lebensweise im deutsch-deutschen Vergleich (Publications of the Swedish School of Economics Nr. 38), Helsingfors 1987.

[24] Grundlegend Peter Christian Ludz, Parteielite im Wandel. Funktionsaufbau, Soziologie und Ideologie der Parteitührung. Eine empirisch-systematische Untersuchung, Opladen 1968. Eine Bilanz bei Rüdiger Thomas, Reflexionen zur DDR- und vergleichenden Deutschland-Forschung, a. a. 0. (Anm. 12), S. 1063ff.

 [25] Siehe vor allem die umfassende Übersicht bei Hermann Weber, Die DDR 1945-1986 (Oldenbourg Grundriß der Geschichte 20), München 1988, S. 105 ff.

 [26] Vgl. insbesondere Siegfried Mampel, Die sozialistische Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Text und Kommentar, 2.Aufl. Berlin1982; Georg Brunner, Einführung in das Recht der DDR, 2. Aufl. München1979; Gero Neugebauer, Partei und Staatsapparat in der DDR. Aspekte der 1nstrumentalisierung des Staatsapparats durch die SED. Opladen 1978; Gert-Joachim Glaeßner, Herrschaft durch Kader. Leitung der Gesellschaft und Kaderpolitik in der DDR am Beispiel des Staatsapparates, Opladen 1977; Karl Wilhelm Fricke, Politik und Justiz in der DDR. Zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945- 1968. Bericht und Dokumentation, Köln 1979; ders.., Die DDR-Staatssicherheit. Entwicklung – Strukturen – Aktionsfelder, Köln 1982 (3. akt. Aufl. 1989). Zum parlamentarischen System: Joachim Lapp, Die Volkskammer der DDR, Opladen 1975; Heinrich Oberreuter, Sozialistischer Parlamentarismus? Idee, Norm und Realität sozialistischer Vertretungskörperschaften in vergleichender Sicht, in: Jürgen Weber (Hrsg.), DDR – Bundesrepublik Deutschland, München 1980, S. 213ff.

 [27] Auch Günter Gaus hat mit seinem oft zitierten Erklärungsansatz von der „Nischengesellschaft“, die er als Ort eines von der Politik entlastenden Rückzugs in die Privatheit interpretierte, das gesellschaftskritische Potential der DDR-Gesellschaft unterschätzt. Der Aufbruch zu ziviler Mündigkeit wurde zwar zunächst nur von einzelnen Intellektuellen vollzogen, doch reichen die Ansätze zur Entwicklung einer sozialen Bewegung in der DDR bis in die Mitte der siebziger Jahre zurück, als sich unter dem Schutz der evangelischen Kirche die ersten Ökologie-, Friedens- und Dritte-Welt-Gruppen bildeten. Vgl. dazu Peter Wensierski/Wolfgang Büscher (Hrsg.), Beton ist Beton. Zivilisationskritik aus der DDR, Hattingen 1981; Wolfgag Büscher u. a. , Friedensbewegung in der DDR. Texte 1978- 1982, Hattingen 1982. – Auch die Entstehung einer autonomen Kultur, die sich von der „Vormundschaft eines übergeordneten Sinns“ (Elke Erb) befreite, gewinnt seit Ende der siebziger Jahre wachsende Bedeutung fur eine kritische Sensibilität in der DDR-Gesellschaft. Vgl. dazu Rüdiger Thomas, Kulturpolitik und Künstlerbewußtsein seit dem VIII. Parteitag der SED, in: Gert-Joachim Glaeßner (Hrsg.), Die DDR in der Ära Honecker. Politik – Kultur – Gesellschaft, Opladen 1988, S. 589 ff.; zur Entwicklung am Ende der achtziger Jahre ders., Neues Denken und alte Gewohnheiten. Über den Strukturwandel der Öffentlichkeit in der DDR, in: Niemandsland 2.Jg (1988) H. 6, S. 60ff. – Eine Gesamtdarstellung zur Gesellschaftsgeschichte der DDR wurde bisher nicht vorgelegt, womit ein entscheidendes Desiderat der DDR-Forschung benannt ist. Ansätze enthalten die beiden Bände von Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. DeutscheGeschichte 1945- 1955, Bonn und Göttingen1983; ders.,Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955- 1970, Bonn und Göttingen 1988 – Ein wichtiger Beitrag zur Kulturgeschichte ist Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR. Ein historischer Abriß, Edition Deutschland Archiv, Köln 1982. Zur Literaturentwicklung Woifgang Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR 1945- 1988. Erw. Ausg. Frankfurt/M. 1989; zur bildenden Kunst Karin Thomas, Zweimal deutsche Kunst nach 1945. 40 Jahre Nähe und Ferne, Köln 1985.

[28 Vgl. dazu Karl C. Thalheim, Die wirtschaftswissenschaftliche DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland, in: Deutschland Archiv 20.Jg. (1987) H.10, S.1072 ff. Als Gesamtdarstellung sei vor allem verwiesen auf: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (Hrsg.), Handbuch DDR-Wirtschaft, 4. Aufl. Reinbek 1984. (Die 1. Aufl. erschien 1971 unter dem Titel „DDR-Wirtschaft – eine Bestandsaufnahme“.) Neuerdings bietet einen umfassenden Überblick: Materialien zum Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland 1987, hrsg. vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen, Mai 1987.

[29] Ansätze bietet der Sammelband: Redaktion Deutschland Archiv (Hrsg.), Umweltprobleme und Umweltbewußtsein in der DDR, Köln 1985; quantitative Angaben – soweit zugänglich – enthalten die Materialien 1987. a. a. 0. (Anm. 28), S. 301ff.

[30] Grundlegend Studien und Materialien zur Soziologie der DDR, a. a. 0. (Anm. 10); einen neuen Gesamtüberblick bieten Dieter Voigt/Werner Voss/Sabine Meck, Sozialstruktur der DDR. Eine Einführung, Darmstadt 1987.

[31] Vgl. insbesondere Irma Hanke, Alltag und Politik. Zur politischen Kultur einer unpolitischen Gesellschaft. Eine Untersuchung zur erzählenden Gegenwartsliteratur in der DDR in den 70erJahren, Opladen 1987.

[32]32 Vgl. Hans Lades/Clemens Burrichter (Hrsg.) , Produktivkraft Wissenschaft. Sozialistische Sozialwissenschaften in der DDR, Hamburg 1971; Rüdiger Thomas (Hrsg.), Wissenschaft und Gesellschaft in der DDR, München 1972; neuerdings Alexander Fischer/Günther Heydemann (Hrsg.), Geschichtswissenschaft in der DDR. Bd. I, Berlin 1988.

[33] Vgl. Walter Jaide/Barbara Hille (Hrsg.) ,Jugend im doppelten Deutschland, Opladen 1977; Rüdiger Thomas, Jugend im politisch-gesellschaftlichen System der DDR, in: Dietrich Zitzlaff/SiegfriedGeorge (Hrsg.), DDR-Jugend heute. Zustandsbeschreibungen. Forschungsbefunde. Bildungsanregungen, Stuttgart 1986, S. 1ff.; Barbara Hille, Familie und Sozialisation in der DDR, Opladen 1985; Gisela Helwig, Frau und Familie. Bundesrepublik Deutschland – DDR, Köln 1987.

[34] Wolfgang Bergsdorf, Eine dritte Phase der DDR-Forschung, in: Deutschland Archiv 6.Jg. (1973) H. 6, S. 592.

[35] Vgl. etwa Gerhard Lozek, Illusionen und Tatsachen, Berlin (Ost) 1980; zuletzt mit Ansätzen zu einer differenzierteren Sicht Heinz Heilzer/Gerhard Lozek, Kritische Bemerkungen zur bundesdeutschen DDR-Forschung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 34/89, S. 18ff.

[36]Vgl. Eberhard Schütt-Wetschky, Vergleich Bundesrepublik Deutschland – Deutsche Demokratische Republik. Zur Kritik der systemimmanenten Methode, in: Deutschland Archiv 21. Jg. (1988) H.7, S. 754ff.

[37] Hermann Rudolph, Keine Länderforschung neben anderen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11. 11. 1976.

[38] Wichtige neue Beispiele fUr eine multidisziplinäre Kooperation bei der Analyse der DDR sind: Gert-Joachim Glaeßner (Hrsg.), Die DDR in der Ära Honecker, Opladen 1988; einen vergleichenden Ansatz hat Wemer Weidenfeld/Hartmut Zimmermann(Hrsg.), Deutschland-Handbuch. Eine doppelte Bilanz 1949- 1989, Bonn und München 1989.

 [39] Ansätze für eine begrenzte Kommunikation zwischen Wissenschaftlern aus beiden deutschen Staaten haben zuerst die Historiker, dann auch die Ökonomen und Soziologen in den letzten Jahren zu ersten gemeinsamen Tagungen ausbauen können. Vgl. dazu Susanne Miller/Malte Ristau (Hrsg.), Erben deutscher Geschichte. DDR – BRD: Protokolle einer historischen Begegnung, Reinbek 1988; Heiner Timmermann (Hrsg.), Sozialstruktur und sozialer Wandel in der DDR, Saarbrücken 1988. Auf die damit verbundenen Probleme verweist Dietrich Staritz, DDR-Geschichte im deutsch-deutschen Wissenschaftsdialog, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 34/89, S. 10ff.; vgl. auch Clemens Burrichter, Wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen beiden deutschen Staaten, in: ebd., S. 3ff.

[40] Christoph Hein, Die fünfte Grundrechenart. Rede zur Geschichte im Ostberliner Schriftstellerverband am 14. September, in: Die Zeit v. 6. 10. 1989, S. 65. Vgl. dazu Hermann Weber, „Weiße Flecken“ in der DDR-Geschichtsschreibung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 11/90, S. 3ff.

[41 Vgl. Walter Friedrich, Nicht Diener wollen wir sein, sondern Partner der Politik, in: Neues Deutschland v. 18./19. 11. 1989. Der 5. Soziologie-Kongreß der DDR, der vom 6. bis 8. 2. 1990 unter dem Titel „Soziologie im Prozeß der Erneuerung“ in Berlin stattfand, war die erste wissenschaftliche Großveranstaltung nach der Novemberrevolution 1989. Der Gesamteindruck blieb auf symptomatische Weise zwiespältig: Einerseits wurde das Bild über die Forschungspotentiale der DDR-Soziologie differenziert und erweitert, andererseits wurden die Unsicherheiten im Prozeß der Neuorientierung deutlich. Vgl. dazu Walter Süß, „Die besungene Zukunft ist beendet“, in : Das Parlament v. 16. 2. 1990, S. 9. – Die ersten Beispiele für eine konkrete Wissenschaftskooperation nach der Wende liefert bezeichnenderweise die Umfrage- und Wahlforschung. Das Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR und das Zentralinstitut für Jugendforschung (Leipzig) haben bei der Konzeption und Auswertung verschiedener Umfragen zu politischen Einstellungen der DDR-Bürger und zum Wählerverhalten mit bundesdeutschen Partnern (wie Emnid, Forschungsgruppe Wahlen) kooperiert. Eine wichtige Form der Zusammenarbeit dürfte künftig auch die Einrichtung von Gastprofessuren sein.

[42] Vgl. dazu vor allem Werner Weidenfeld (Hrsg.), Die Identität der Deutschen, Bonn und München 1983; ders. (Hrsg.), Geschichtsbewußtsein der Deutschen. Materialien zur Spurensuche einer Nation, Köln 1987; Karl-Rudolf Korte, Der Standort der Deutschen, Köln 1990.

 

© Rüdiger Thomas

 

In: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 21. Jg., H. 1, Mai 1990, S.126-136.

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