Abschied vom Ostkolleg: Oktober 1981

Abschied vom Ostkolleg: Oktober 1981

Abschied vom Ostkolleg: Oktober 1981

 

Vorsicht ist geboten beim Abschiednehmen: Leicht gerät man dabei in Schwärmerei, doch Lob labt zwar die Seele, aber es lähmt auch den Verstand. Als ich gestern mein historisches Gedächtnis zu aktivieren versuchte, brauchte ich schon ein rückwärts gerichtetes Langzeitprogramm. Im neuen Jahr wird das Ostkolleg 25 Jahre alt, und zwei Drittel dieses immerhin respektablen Abschnitts war ich dabei – beinahe ein Methusalem des Hauses. Da ist es tröstlich, zwei Weggefährten in dieser Runde zu sehen, die sogar noch länger mit dem Ostkolleg verbunden sind. Herrn Ruffmann habe ich noch als Kölner Student – gewissermaßen incognito – erlebt, und in den langen Jahren der Zusammenarbeit habe ich mich durch sein rhetorisches Temperament und die seltene Verbindung  aus liebenswürdiger Konzilianz und frappierendem Durchsetzungsvermögen faszinieren lassen – ich wäre froh, wenn ich sagen dürfte, davon etwas gelernt zu haben. Herrn Maibaum schulde ich Dank für eine Kollegialität, die mehr war als nur die vielzitierte gute Zusammenarbeit. Unsere Kooperation, die nie durch einen ernsthaften Konflikt getrübt war, ergab sich nicht allein aus einer weitreichenden Überenstimmung in der Sache, sondern auch und vor allem aus einer unerschütterlichen wechselseitigen Solidarität.

Mit diesem Hause sind viele Erinnerungen verbunden, die in den berühmt-berüchtigten Tischgesprächen der hier beschäftigten Mitarbeiter am schmackhaftesten serviert werden – auch wenn sie zuweilen dem ominösen Baron von Münchhausen und seinem Hang zur Legendenbildung Konkurrenz machen. Zu den Gerüchten zählt die gelegentlich geäußerte Vermutung, daß ich mit dem Ostkolleg verheiratet gewesen wäre. Wahr hingegen ist, daß ich – unter allgemeiner Anteilnahme – von hier aus geheiratet habe. Gustav Heinemann hat recht:  Eine Institution kann man nicht lieben, aber Gerüchte entstehen selten ohne Grund, und so will ich eingestehen, daß ich diesem Haus auf eine intensive, schwer zu benennende Weise verbunden war, die weniger war als Leidenschaft und gleichzeitig mehr als nur nüchternes Engagement. Das Ostkolleg hat mich irgendwie fasziniert und ich bedaure, daß ich es nicht selbst erfunden habe. Mein Verhältnis zum Ostkolleg war wohl doch – wenn die Vokabel nicht zu hoch gegriffen ist – von einer Art Enthusiasmus bestimmt; oder sollte ich nicht einfach sagen, daß mir die Arbeit immer – fast immer – Spaß gemacht hat.

Kann man dafür Gründe finden? Fangen wir als Tribut an die Wissenschaft abstrakt an. Da ist das Ziel politischer Bildung, das Hans-Joachim Lieber am Beginn meiner Tätigkeit im Ostkolleg programmatisch in die Formel gefaßt hat, „Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Aufklärung“ zu erproben. Der Glaube an die Wirkung aufgeklärter Vernunft ist mir – naiv, wie ich gelegentlich wirklich bin – trotz zahlreicher gegenteiliger praktischer Erfahrungen immer noch nicht abhanden gekommen, doch bleibe ich ein – wenn auch skeptisch eingefärbter – Optimist. Da sind vor allem aber die konkreten und lebendigen Erfahrungen eines partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen allen, die für die Entwicklung dieses Hauses verantwortlich sind. Die Diskussionen, die mit dem wissenschaftlichen Direktorium durch viele Jahre und mit wechselnden Personen geführt worden sind, waren Beispiele eines herrschaftsfreien Dialogs und also einer wirklich demokratischen Gemeinschaft – einer Kommunität von Wissenschaftlern – , ohne daß es dafür perfektionierter Statuten bedurft hätte. Die Geltung des Arguments war hier nie von Rang und Namen, noch viel weniger von Parteipräferenzen abhängig, sondern immer von der Qualität und Stringenz der Begründung. Vielleicht hat uns die Leidenschaft an der Erkennntis im Meinungsstreit gelegentlich bis hart an die Grenze des guten Tons geführt – der gegenseitige Respekt ist davon jedoch nie tangiert worden, und diese Erfahrung registriere ich mit besonderer Dankbarkeit. Ihnen allen fühle ich mich nicht nur durch gemeinsame Arbeit, sondern auch persönlich verbunden, und darin liegt die eigentliche Erklärung für die Tatsache meiner großen Anhänglichkeit gegenüber dem Ostkolleg, die sich in einer entsprechend langen, vielleicht allzu langen Seßhaftigkeit ausgewirkt hat.

Daß ich zum Ostkolleg gekommen bin – wer weiß das noch? – hat Günther Stökl verschuldet, und dies darf zum Abschied nicht verschwiegen werden. In absentia fällt mein Dank an einen vorzüglichen Lehrer und väterlich-grantelnden Freund seiner Studenten nicht weniger herzlich aus. Diese Erinnerung gibt gleichzeitig Anlaß, an die vielen unverwechselbaren und eindrucksvollen Persönlichkeiten zu erinnern, die dem Ostkolleg als Mitglieder des Direktoriums in besonderer Weise verbunden waren und meinen Weg streckenweise begleiteten. Wenn ich hier Josef Bochenski, Hans Raupach, Peter Ludz, Richard Löwenthal und Klaus von Beyme gewissermaßen stellvertretend erwähne, so wird noch einmal schlagartig deutlich, wie stark das Ostkolleg durch Wissenschaftler angeregt wurde, von denen unser alter und neuer Kollege Müller sagte, daß man sie mit „der Koryphäe“ bezeichnen müsse, während ich – die griechische Herkunft des Wortes mißachtend – „die Koryphäe“ vorzog. Inzwischen hat sich der Duden meiner Sprachregelung angeschlossen, obwohl ich heute freimütig bekennen möchte, daß in diesem Fall unser geschätzter Kollege Müller recht hatte. Mit Hans Raupach verband mich eine außerdienstliche Leidenschaft: die Liebe zu Bach. Gelegentlich haben wir uns bei Tagungen verschwörerisch verständigt, indem wir uns die Nummern von Bach-Kantaten soufflierten. So konnte ein Diskussionsbeitrag die Nummer 35 erhalten („Geist und Seele wird verwirret“) oder ein ermüdendender Arbeitsabschnitt die Nummer 82 („Ich habe genug“).

Auch wenn manche Puritaner solche Seitensprünge sinnenfroher Wissenschaft für anrüchig halten, will ich hier offen bekennen, daß ich mit Boris Meissner seit langer Zeit ein verschwiegenes, leidenschaftliches und aufregendes Verhältnis unterhielt – zum Fußball. In grauer Vorzeit stand ein Europapokalfinale zwischen Bayern München und Atletico Madrid just zu dem Zeitpunkt auf dem Programm, als eine Direktoriumssitzung anberaumt war. Da sich Richard Löwenthal zu verspäten schien, faßte das erlauchte Gremium auf Betreiben der oben apostrophierten Verschwörer den ebenso frivolen wie spontanen Entschluß, den Sitzungsbeginn zu verschieben, um – unter Vernachläassigung oft bewiesener demokratischer Tugenden – König Fußball zu huldigen. Kaum hatte sich die erwartungsvolle Gesellschaft vor dem Fernsehapparat niedergelassen, erschien der bis dato ausgebliebene, schon fast vergessene Nachzügler und forderte eilig, zur Sache zu kommen. Wie eine ertappte, aber folgsame Schulklasse erhob sich die Runde und nahm ihre verantwortungsvolle Arbeit auf. Richard Löwenthal hatte die Fußballriege buchstäblich ins Abseits gestellt, doch diese hatte nach kurzer Beratung eine neue Taktik parat. Ein Pendelverkehr zwischen Küche und Konzil wurde eingerichtet, bei dem sich die enttäuschten Gesichter zusehends aufhellten. Die stille Rache gegenüber der pflichteifrigen Autorität des fußballfernen Rix Löwenthal bestand darin, daß er bei seinen rhetorischen Attacken viermal durch die enthusiastischen Reaktionen seiner fußballbegeisterten Mitstreiter buchstäblich ins Leere traf und beinahe zum ersten Mal aus dem Konzept geraten wäre. Ob bei dieser Sitzung, deren wichtigstes Resultat ein Fußballergebnis war, weitere Beschlüsse gefaßt wurden, ist in meiner Erinnerung verblaßt, und so kann ich mit Boris Meissner heute nur noch feststellen, daß es eine denkwürdige Direktoriumssitzung gab, auf der nach einem hoffnungsvollen Präludium und einem schockartigen Rückschlag Bayern München schließlich doch noch Richard Löwenthal besiegt hat. Wichtigste Lehre aus diesem politologischen Contredanse: Die „friedliche Koexistenz“ zwischen Wissenschaft und Hauswirtschaft hat über den Antagonismus von Pflicht und Neigung triumphiert.

Wenn ich auf meineTätigkeit im Ostkolleg zurückblicke, dann ist mir persönlich mein bescheidener Beitrag zur Ost-West-Verständigung am wertvollsten. Vor allem in Polen habe ich im Zusammenhang mit den vom Ostkolleg projektierten Studienreisen und durch zahlreiche Seminare enge persönliche Freunde gefunden, und es freut mich besonders, daß ich den gerade gewählten neuen Vorsitzenden des wissenschaftlichen Direktoriums, Walter Mertineit, im Rahmen unserer gemeinsamen Bemühungen um eine deutsch-polnische Verständigung kennenlernen durfte.

Zuletzt kommt das Wichtigste: Allen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich täglich zusammenarbeiten konnte, gilt mein Dank für eine von wechselseitiger Sympathie getragene Kollegialität, die dem Ostkolleg eine nur noch selten anzutreffende menschenfreundliche Arbeitsatmosphäre beschert hat, an der alle miteinander gemeinsam Anteil hatten. Ist alles gesagt? Rückblickend stelle ich fest, dies ist alles viel zu nüchtern ausgefallen und – leider typisch – auch viel zu lang. Es gibt Erinnerungen an persönliche Begegnungen mit Ihnen allen, die in Jahren gewachsen und so intensiv geworden sind, daß sie lebendig bleiben und sich – so hoffe ich –im direkten Kontakt fortsetzen werden. Aber ich bin nicht mehr jung genug für Schwärmereien und noch nicht alt genug für Sentimentalitäten, oder täusche ich mich da womöglich selbst? Da Sie mich kennen, wissen Sie, was ich ausdrücken möchte, wenn ich den Schlußsatz eines meiner Lieblingsbücher als Dank an das Ende stelle: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

 

© Rüdiger Thomas

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