Zur Geschichte soziologischer Forschung in der DDR

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Zur Geschichte soziologischer Forschung in der DDR

Rüdiger Thomas

Soziologie, die Wissenschaft von der Gesellschaft, zielt auf die Erkenntnis sozialer Tatsachen. Sie ermittelt, was der Fall ist, wie es dazu kam und welche Faktoren sozialen Wandel kennzeichnen. Soziologie ist seit ihrer Entstehung als Wissenschaftsdisziplin um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf gesellschaftliche Aufklärung gerichtet, und ihre Geschichte ist eng mit der Entfaltung der Ideologietheorie verbunden. Als kritische Sozialwissenschaft scheint sie zur Rechtfertigung von Herrschaftsverhältnissen wenig tauglich und ist daher von den Mächtigen lange Zeit eher mit Skepsis und Argwohn registriert worden. Erst die forcierte Entwicklung der empirischen Sozialforschung seit der Mitte unseres Jahrhunderts hat einen Einstellungswandel hervorgerufen. In wachsendem Maße wurden außerwissenschaftliche Verwertungsinteressen auf die Soziologie gerichtet: Vor allem die Kenntnis vorherrschender gesellschaftlicher Bewußseinslagen und Motivstrukturen ließ sich als Herrschaftswissen nutzen, das gleichermaßen politischen Erfolg und ökonomische Effizienz gewährleisten sollte. Im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Aufklärung und sozialtechnologischer Instrumentalisierung angesiedelt, hat die Soziologie in den offenen Gesellschaften der westlichen Industriestaaten seit vielen Jahrzehnten eine unangefochtene Position erlangt– was sich am deutlichsten in der Allgegenwart der Umfrageforschung zeigt.

Eine völlig andere Situation bestand in den Ländern des stalinistisch geprägten Staatssozialismus, in denen die Soziologie jahrzehntelang massiv diskreditiert wurde, weil sie den ideologischen Gralshütern der „Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten“ (Robert Havemann) als kritische Sozialwissenschaft suspekt war.

Die Entwicklung der Soziologie in der DDR als selbständige Wissenschaftsdisziplin vollzog sich in einem komplizierten Emanzipationsprozeß vom universellen gesellschaftswissenschaftlichen Geltungsanspruch des Marxismus-Leninismus1. Nachdem in den ersten Nachkriegsjahren bis zur Gründung der DDR verschiedene Universitäten noch soziologische Lehrveranstaltungen angeboten hatten2  und zunächst – überwiegend von bürgerlichen Soziologen – zahlreiche Studien insbesondere zur Arbeits- und Gruppensoziologie publiziert werden konnten3, wurde die Soziologie unter dem Vorzeichen einer „Überwindung des Objektivismus“4 seit 1950 als „bürgerliche Wissenschaft“ strikt abgelehnt.

Jürgen Kuczynski hatte schon Mitte der fünfziger Jahre verschiedene Versuche unternommen, soziologische Forschungen in der DDR anzuregen, doch konnte er den politischen Widerstand zunächst nicht überwinden, der sich aus dem Geheimhaltungssyndrom der SED-Führung ergab. Kuczynski vertrat die Auffassung. daß spezifische „soziologische Gesetze“ von den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des historischen Materialismus abgegrenzt werden müßten und nur im Ergebnis einer konkreten Sozialforschung ermittelt werden könnten5.

Seit Ende der fünfziger Jahre wurden in der DDR sozialpsychologische und jugendsoziologische Untersuchungen durchgeführt6, seit Beginn der sechziger Jahre wurde die Auseinandersetzung mit der „bürgerlichen Soziologie“ intensiviert. Dieser Prozeß beinhaltete nicht nur den Versuch einer ideologischen Abgrenzung, sondern trug auch zur Rezeption soziologischer Forschungsmethoden und Theoriekonzepte bei und vermittelte damit wichtige Impulse für die Entwicklung der DDR-Soziologie7.

Paradoxerweise hatte die DDR aus Gründen ihrer internationalen Präsenz und Reputation schon seit Ende der fünfziger Jahre den Eindruck erweckt, eine institutionalisierte soziologische Forschung zu betreiben. Bereits 1959 hatten DDR-Wissenschaftler am IV. Weltkongreß der International Sociological Association (ISA) in Mailand und Stresa teilgenommen. 1961 wurde in der Vereinigung der Philosophischen Institutionen der DDR eine Sektion Soziologie begründet, die insbesondere Funktionen der Außenrepräsentation wahrnehmen sollte und 1962 als nationale Vertretung der Soziologen in der DDR in die ISA aufgenommen wurde.

Die schwierige Formierungsphase der DDR-Soziologie, die noch weitgehend vom gesellschaftswissenschaftlichen Theorieimperialismus des historischen Materialismus beherrscht wurde, endete erst mit dem VI. Parteitag der SED (Januar 1963), auf dem „die weitere Entfaltung der theoretischen Arbeit auf dem Gebiet der marxistischen Gesellschaftswissenschaft, der Lehre von der Leitung und Entwicklung der Gesellschaft“ gefordert wurde, gleichzeitig erfolgte die Ankündigung: „Von den Gesellschaftswissenschaftlern werden verstärkt soziologische Forschungen durchgeführt“8.

Bei diesen Formulierungen fällt auf, daß die Soziologie noch nicht als selbständige Wissenschaftsdisziplin benannt wurde, sondern statt dessen soziologische Forschung als Aufgabe der Gesellschaftswissenschaftler erscheint, womit die lange umstrittene Frage nach dem Verhältnis zwischen dem historischen Materialismus als allgemeiner Gesellschaftstheorie und der Soziologie als konkreter Gesellschaftsanalyse weiter offen blieb.

 

II

Erst die Wende zu einem technokratischen Sozialismus in der DDR, die mit der Einführung des „neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ im Juli 1963 verbunden war, führte zur endgültigen Konstituierung einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin mit einem – freilich politisch motivierten – spezifischen  Forschungsauftrag. Kurt Hager umriß Anfang 1964 ihre zentralen Aufgaben in einem Grundsatzartikel, der in der theoretischen Zeitschrift der SED „Einheit“ publiziert wurde: „Die soziologische Forschung in der DDR muß weiterentwickelt werden. Durch soziologische Massenforschungen zu grundlegenden und umfassenden Problemen unserer gesellschaftlichen Entwicklung wird ein wichtiger Beitrag zur politischen Führungs- und Leitungstätigkeit der Partei und des Staates geleistet. In der gegenwärtigen Periode des umfassenden Aufbaus des Sozialismus stehen vor allem jene Probleme und Prozesse im Mittelpunkt der soziologischen Forschung, die der wissenschaftlich-technische Fortschritt in Industrie und Landwirtschaft für das Leben und die Entwicklung der verschiedenen sozialen Gruppen und Schichten mit sich bringt „9.

Mit dieser politischen Rechtfertigung der Soziologie wurde eine Phase der Institutionalisierung eingeleitet. Im September 1964 beschloß das Politbüro der SED die Bildung des Wissenschaftlichen Rates für Soziologische Forschung, 1965 wurde eine Forschungsabteilung für marxistisch-leninistische Soziologie am Institut für Gesellschaftswissenschaften (seit 1976 Akademie für Gesellschaftswissenschaften) beim ZK der SED eingerichtet (Direktor: Rudi Weidig), die bis zum Herbst 1989 eine Anleitungs- und Kontrollfunktion für die soziologische Forschung in der DDR ausübte. Bereits 1964 war ein Institut für Meinungsforschung beim ZK der SED etabliert worden, das repräsentative Bevölkerungsbefragungen zu verschiedenen Themen durchführen sollte, die vor allem auch die Akzeptanz der Politik betrafen. 1966 wurde das Zentralinstitut für Jugendforschung (ZIJ) in Leipzig (Direktor: Walter Friedrich) gegründet, das dem Amt für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR unterstellt wurde. Das ZIJ konzentrierte sich auf die empirische Untersuchung der Mentalitätsentwicklung von Schülern, Studenten, Lehrlingen und jungen Arbeitern (auch in Form von Intervallstudien), die für die Ausarbeitung einer neuen jugendpolitischen Konzeption von der Partei- und Staatsführung zeitweilig als relevante Orientierungsgrundlage betrachtet wurde.

Zur Vermittlung soziologischer Forschungsergebnisse wurde im parteieigenen Dietz-Verlag 1965 eine „Schriftenreihe Soziologie“begründet. „Soziologie und Praxis“ lautete programmatisch der Titel der ersten Veröffentlichung, in der konstatiert wurde, „daß rein abstrakte und scholastische Diskussionen über den Gegenstand der marxistischen Soziologie überwunden sind. Es herrscht das Bestreben vor, über den Weg der praktischen Forschung Gegenstand und Aufgabenbereich der marxistischen Soziologie als Wissenschaft zu erarbeiten“10. Für die Stellung der Soziologie in der DDR ist es jedoch bezeichnend, daß bis zum politischen Umbruch im Herbst 1989 keine eigene Fachzeitschrift existierte. Das Periodikum „Jugendforschung“ konnte lediglich von 1967 bis 1972 erscheinen und wurde am Beginn der Honecker-Ära – vermutlich wegen der Brisanz mancher Forschungsergebnisse –  wieder eingestellt. Der fachinternen Kommunikation dienten vor allem die „Informationen zur soziologischen Forschung in der DDR“, die seit 1965 als Typoskriptdruck in kleiner Auflage von der Zentralstelle für soziologische Information und Dokumentation der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED herausgegeben wurden, sowie eine Reihe interner Arbeitspapiere, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich und der westlichen Forschung überwiegend ganz verschlossen waren. Gelegentlich – insbesondere vor den Kongressen der ISA – wurden soziologische Beiträge in Sonderheften der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ publiziert – womit die nachrangige öffentliche Bedeutung der Soziologie erneut unterstrichen wurde.

Nachdem bereits seil 1964 soziologische Lehrveranstaltungen an den Hoch- und Fachschulen angeboten werden konnten, wurde 1967 Soziologie als Nebenfachstudium für Ökonomen und Philosophen eingeführt, doch besteht erst seit 1975 an den Universitäten in Berlin, Halle und Leipzig eine eigenständige Studienrichtung Soziologie, die mit der Qualifikation als Diplom-Soziologe  abgeschlossen werden kann.

Bis zum Ende der sechziger Jahre wurden die institutionellen und personellen Kapazitäten – wenn auch in einem sehr begrenzten Rahmen – sukzessive ausgeweitet. Wichtige Forschungsschwerpunkte lagen zunächst neben der Jugendforschung insbesondere im Bereich der Industrie- und Arbeitssoziologie, der Agrarsoziologie sowie der Kultur- und Bildungssoziologie11. An der 1970 gegründeten Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR wurde eine Abteilung Soziologie des Bildungswesens (Leiter: Artur Meier) eingerichtet, die für die bildungssoziologische Forschung bis zur Mitte der achtziger Jahre wichtige Beiträge erbracht hat12. Untersuchungen über Arbeitszufriedenheit, Betriebsklima, Fluktuationsursachen signalisierten eine deutliche Orientierung auf Aspekte der Systemstabilisierung und Effektivitätssteigerung. Jugend- und kultursoziologische Forschungsprojekte waren auf die Ausprägung des sozialistischen Bewußtseins und gesellschaftliche Integration gerichtet – worin sich die politische Funktionalisierung soziologischer Forschung deutlich zeigte.

 

III

Die Soziologie-Kongresse in dcr DDR markieren wichtige Einschnitte ihrer Entwicklung. Der I. Kongreß zum Thema „Soziologie im Sozialismus“ wurde 1969 durchgeführt und behandelte vor allem Probleme der Industrie- und Agrarsoziologie, der Kultur- und Bildungssoziologie sowie der Jugendforschung13. Eine Bestandsaufnahme der soziologischen Forschung in der DDR am Ende der sechziger Jahre vermittelte auch das „Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie“14. Diese Veröffentlichung und andere Publikationen zeigten deutlich, daß in der Rezeption moderner sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden noch ein erheblicher Rückstand vorhanden war15  und die meisten soziologischen Untersuchungen „oft Detailprobleme auf der Ebene einzelner Betriebe und ähnlicher begrenzter Bereiche zum Gegenstand hatten“16.

Erst in den siebziger Jahren erfolgte eine Intensivierung und Oualifizierung der soziologischen Forschung, die sich allmählich westlichen Forschungsstandards anzunähern suchte. Freilich erhielt der westliche Beobachter nur begrenzte Einblicke, da die Durchführung soziologischer Untersuchungen und die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse seit 1965 einer staatlichen Genehmigungspflicht unterlagen.

In der ersten Hälfte der siebziger Jahre rückte die Analyse der Sozialstruktur und des sozialen Wandels in der DDR in den Vordergrund. die insbesondere unter der Fragestellung einer Annäherung der Klassen und Schichten, der allmählichen Überwindung des Gegensatzes von körperlicher und geistiger Arbeit sowie von Stadt und Land thematisiert wurde. Daneben erhielt die Erforschung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen besonderes Gewicht, die in erster Linie im Hinblick auf ihre produktionsrelevanten Wirkungen betrachtet wurde.

Auf diese Forschungsschwerpunkte war auch der II. Kongreß der marxistisch-leninistischen Soziologie in der DDR konzentriert, der im Mai 1974 unter dem Thema „Der Beitrag der marxistisch-leninistischen Soziologie zur Leitung und Planung sozialer Prozesse bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ durchgeführt wurde17 . Die vom Institut für maxistisch-leninistische Soziologie am Institut für Gesellschaftswissenschaften durchgeführte „Sozialstrukturuntersuchung 1973“ stellte mit etwa 10.000 befragten Personen die erste umfassende Felduntersuchung der DDR-Soziologen dar, bezeichnenderweise wurden ihre Ergebnisse allerdings nur selektiv publiziert, ein Gesamtbericht durfte nicht vorgelegt werden18. Mit der Veröffenllichung eines Lehrbuchs „Grrundlagen der marxistisch-leninistischen Soziologie“ (1977) wurde der Versuch unternommen. das „wissenschaftliche Selbstverständnis der Soziologie in der DDR“ zu profilieren19. Als „Instrument der Leitung und Planung gesellschaftlticher Prozesse“  sollte die Soziologie die folgenden drei grundlegenden Anforderungen erfüllen:

1. Sie hat „wesentliche Seiten unserer gesellschaftlichen Entwicklung im Hinblick auf die Ermittlung des erreichten Niveaus zu untersuchen … Eine solche Niveauanalyse erfordert gleichzeitig,die Differenziertheit gesellschaftlicher Entwirklungsprozesse durch eine exakte Ermittlung der gruppenspezifischen Besonderheiten aufzudecken“.

2. Sie hat „die Einflußfaktoren zu analysieren, die auf gesellschaftliche Erscheinungen und Prozesse einwirken“, wobei die „Erforschung sozialer Grundprozesse“ im Mittelpunkt steht. „Hierzu gehört die Entwicklung der Klassen und Schichten, die Herausbildung einer sozialistischen Lebensweise der Werktätigen und damit im Zusammenhang die Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten.“

3. Sie hat „die Entwicklungstendenzen im gesellschaftlichen Leben aufzudecken, so daß eine Prognose künftiger sozialer Situationen möglich wird“ 20.

 

IV

Mit der auf dem VIII. Parteitag der SED ( 1971) proklamierten „ökonomischen Hauptaufgabe“, die den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Bevölkerung postulierte. wurde ein neues Leitbild, die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ proklamiert, das die DDR-Soziologie vor neue Aufgahen stellte: Insofern die sozialistische Gesellschaft in Abwendung von Walter Ulbrichts Konzept der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ als ein komplexes und differenziertes Gebilde aufgefaßt wurde, das durch spezifische und gezielte Maßnahmen der Sozialpolitik wirksam mobilisiert werden sollte, erhielt die Sozialstrukturfoschung wachsende Bedeutung. Gleichzeitig wurde es erforderlich, Forschungsstrategien zu entwickeln, die das „materielle und kulturelle Lebensniveau“, die Lebensbedingungen unterschiedlicher sozialer Gruppen, im Rahmen einer „Niveauanalyse“ konkret ermitteln sollten. Unter dem politischen Anspruch, die gesellschaftliche Entwicklung zu planen und zu leiten, mußten Kennziffern und Indikatoren definiert werden, die eine differenzierte Einflußnahme auf verschiedene soziale Schichten und Gruppen ermöglichen sollten.

Der grundlegende Zusammenhang zwischen soziologischer Forschung und solchen gesellschaftlichen Verwertungsinteressen wurde von den Soziologen zur Rechtferligung ihrer Forschungsaktivitäten stark in den Vordergrund gestellt. In diesem Rahmen kam es auch zu einer Wiederbelebung der Sozialpolitikforschung.

Begriff und Konzept der Sozialpolitik galten in der DDR fast zwei Jahrzehnte lang lediglich als symptomatischer Bestandteil kapitalistischer Krisen- und Konfliktregulierung und wurden daher unter diesem pejorativen Vorzeichen strikt abgelehnt. Nachdem die SED 1946 „Sozialpolitische  Richtlinien“ verabschiedet hatte, wurde der Begriff sehr bald aus der politischen und wissenschaftlichen Diskussion eliminiert, obwohl verschiedene Versuche unternommen wurden, Sozialpolitik nicht nur als Korrektiv im Sinn einer Fürsorgepolitik aufzufassen, sondern als „Neugestaltung der sozialen Verhältnisse“21  zu interpretieren und damit eine eigenständige Sozialpolitikforschung zu legitimieren.

Erst Mitte der sechziger Jahre konnte Helga Ulbricht eine erste wissenschaftliche Studie zur „sozialistischen Sozialpolitik“ vorlegen22 , in der sie konstatierte, daß bis zum Ende der fünfziger Jahre „die Notwendigkeit oder auch die Existenz einer sozialistischen Sozialpolitik verneint (wurde), obwohl ihre praktische Handhabung seit Kriegsende das Gegenteil bewies“23. Während Sozialpolitik in dieser ersten „Phase der Verdrängung“ ausschließlich als „Korrekturinstanz einer nicht rationalen Gesellschaftspolitik“ perzipiert wurde24, blieb sie in einer zweiten „Phase der Anpassung“ ( 1957/58 bis 1964/67) auf die Gewährleistung sozialer Sicherheit eingegrenzt25, als „möglichst weitgehender Schutz vor den vielfältigen Wechselfällen des Lebens“26 definiert. Ein systematischer „Aufbau theoretischer und entsprechender institutioneller Grundlagen“ der Sozialpolitikforschung läßt sich erst in einer dritten Phase seit Mitte der sechziger Jahre registrieren27 .

Die Entwicklung eines eigenständigen sozialpolitischen Konzepts in der DDR bedeutete „die Abkehr von dem Gedanken, mit dem Volkswirtschaftsplan ein einheitliches Instrument zur Entwicklung der Gesellschaft zu haben“28, Sozialpolitik wurde nunmehr als aktives Element der Gesellschaftsgestaltung betrachtet. „Erst die Abgrenzung der marxistisch-leninistischen Sozialpolitik von der traditionellen Sozialpoliltik, der Nachweis der Systemkonformität der sozialistischen Sozialpolitik und ihe Einbindung in die Gesamtpolitik, erlaubte, in der politischen und ideologischen Diskussion in  der DDR die Sozialpolitik in den Vordergrund zu rücken und neben die Wirtschaftspolitik zu stellen“29.

Die „Arbeitskräfteorientierung der Sozialpolitik“30 bestimmte bis Mitte der siebziger Jahre die wissenschaftliche Diskussion in diesem neu etablierten Forschungsbereich, der bezeichnenderweise  zunächst vornehmlich an der Gewerkschaftshochschule „Fritz Heckert“ in Bernau institutionell verankert und systematisch  bearbeitet wurde31.

Nachdem die Partei- und Staatsführung die „Leitung und Planung sozialer Prozesse“ als ein wichtiges Element ihrer Politik deklariert hatte, forcierte sie Ausbau und Qualifizierung der Sozialpolitikforschung. Anfang 1974 wurde ein Wissenschaftlicher Rat für Sozialpolitik und Demographie eingerichtet, vier Jahre später erfolgte die Gründung des Instituts für Soziologie und Sozialpolitik (Direktor: Gunnar Winkler) der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Sozialpolitik wurde nun in einem umfassenden Sinn als „Gesamtheit der Maßnahmen, Zielsetzungen, Aktivitäten, Mittel und Methoden zur Durchsetzung einer angestrebten sozialen Entwicklung im Rahmen der Gesamtpolitik“32  oder als „Gesamtheit der Maßnahmen und Mittel … zur Hebung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus“33 verstanden, die „zur planmäßigen Befriedigung der differenzierten materiellen und geistigen Bedürfnisse der Menschen unterschiedlicher sozialer Gruppen“34 dient.

Für die wissenschaftliche Diskussion wurde in wachsendem Maß die Entwicklung einer Theorie gesellschaftlicher Bedürfnisse bedeutsam, die sich für Planungszwecke systematisieren und als quantifizierbare Kennziffern operationalisieren lassen, damit – analog zur ökonomischen Effektivität – „soziale Effektivität“ gemessen werden kann35. Eine solche Fragestellung kann umfassend auf einer gesicherten empirischen Grundlage nur im Rahmen einer Sozialberichterstattung beantwortet  werden, die sowohl über adäquate Indikatorensysteme als auch über die entsprechenden sozialstatistischen Daten verfügt. Dadurch wird der Zusammenhang von Sozialpolitik und Sozialindikatorenforschung deutlich, deren Anfänge in der DDR Mitte der siebziger Jahre registriert werden können und im Zusammenhang mit der Neubestimmung der Sozialpolitik stehen.

Auf dem Hintergrund der Systemauseinandersetzung wurde „sozialistische Sozialpolitik“ vom Kapitalismus dadurch prinzipiell abgegrenzt, daß sie nicht in erster Linie eine Korrektiv- und Kompensationsfunklion haben sollte, sondern in ein gesellschaftspolitisches Gesamtkonzept eingebunden wurde, das im Leitbild der „sozialistischen Lebensweise“ zusammengefaßt war. Ursprünglich als ideologisches Legitimationsmuster verstanden, verstärkte sich seit Mitte der siebziger Jahre zunehmend die Tendenz, sozialistische Lebensweise als Einheit von materiellen, kulturellen und geistigen Lebensbedingungen sozialökonomisch und soziologisch zu konkretisieren. „Umfang und Qualität der Befriedigung der materiellen und geistig-kulturellen Bedürfnisse der  Bevölkerung“ wurden als „wichtiger Gradmesser der sozialistischen Lenbensweise“ angesehen36.

Der Begriff „Lebensweise“ war im Rückgriff auf die Klassiker des Marxismus-Leninismus37  am Beginn der siebziger Jahre in der gesellschaftswissenschaftlichen Literatur etabliert worden und diente zunächst vor allem zur ideologischen Abgrenzung gegenüber dem westlichen Konzept der „Lebensqualität“38 .Seit Mitte der siebziger Jahre wurde der sozialökonomische Aspekt der sozialistischen Lebensweise und damit auch der Zusammenhang mit Begriffen wie Lebensstandard und Lebensniveau deutlicher akzentuiert39.

 

V

Der 3. Soziologie-Kongreß der DDR, der im März 1980 zum Thema  „Sozialstruktur und Lebensweise bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ stattfand40 , ließ erkennen, daß zwei Forschungssehwerpunkte zunehmende Bedeutung erlangt hatten: Einerseits wurde die Forderung verstärkt, ein System sozialer Indikatoren zu entwickeln, das eine umfassende Analyse der Lebensbedingungen in der DDR-Gesellschaft ermöglichen sollte41.  Andererseits war man bestrebt, „die Differenziertheit in der Entwicklung, in den Ausdrucksformen und in der Ausprägung der sozialistischen Lebensweise“ zu analysieren, die sich „in wesentlichen Unterschieden in den Arbeits- und Lebensbedingungen, im Inhalt der Arbeit, in Unterschieden im Lebensniveau und nach wesentlichen Differenzierungen in der Qualifikation, in unterschiedlichen Interessen sowie auch in unterschiedlichen Denk- und Verhaltensweisen der Werktätigen der verschiedenen sozialen Gruppen“ ausdrückt42.

Am 21. Oktober 1980 wurde der neue (jeweils für fünf Jahre festgelegte) Zentrale Forschungsplan der marxistisch-leninistischen Gesellschaftswisssenschaften 1981 – 1985 vom Politbüro der SED bestätigt. Dort wurde im grundsätzlichen Aufgabenkatalog festgestellt: „Neue Erkenntnisse werden zur Einheitlichkeit und Differenziertheit der sozialistischen Lebensweise erwartet. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Entwicklung eines Systems sozialer Indikatoren für die Leitung und Planung sozialer Prozesse“43. Im einzelnen sollte sich die soziologische Forschung vor allem auf die Analyse der Sozialstruktur, „der Entwicklung der sozialen Beziehungen in und zwischen den Klassen und Schichten“ konzentrieren und „zur weiteren Ausarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen der Leitung und Planung sozialer Prozesse beitragen44. Damit wurden Schwerpunkte der Forschung markiert, die auf die Bedeutung der Sozialindikatorenforschung als Instrument zur Wohlfahrtsmessung (Niveauanalyse), zur Dauerbeobachlung des sozialen Wandels und zur Planung der gesellschaftlichen Entwicklung ausdrücklich verweisen.

Eine konzentrierte Beschäftigung mit der Sozialindikatorenforschung läßt sich in der DDR-Soziologie erst seit 1978 nachweisen, nachdem das Institut für Soziologie und Sozialpolitik an der Akademie der Wissenschaften gegründet und dort ein entsprechender  Forschungschwerpunkt „Methodologie und Methodik der soziologischen Forschung“ (Bereichsleiter: Horst Berger) eingerichtet worden war. Dieser Befund erscheint aus zwei Gründen überraschend: Einerseits gab es in der Sowjetunion, Ungarn und der CSSR schon vor der Mitte der siebziger Jahre erste Bemühungen, die Impulse der westlichen Sozialindikatorenforschung für die Planung und Leitung gesellschaftlicher Prozesse nutzbar zu machen; andererseits bestand auch in der DDR – wie oben dargestellt – ein politisches Interesse an der Entwicklung geeigneter Steuerungsinstrumente für eine effektive Gestaltung der Sozialpolitik.

Zwar hatte in der DDR bereits in der ersten Hälfte der siebziger Jahre eine wissenschaftliche Diskussion über die Entwicklung von Konzeptionen zur Verbindung zwischen ökonomischer und sozialer Planung eingesetzt, die nach geeigneten Instrumenten zur Steuerung gesellschaftlicher Prozesse suchte, doch wurde diese Debatte zunächst eindeutig von den Wirtschaftswissenschaftlern bestimmt. Ökonomen halten schon in den sechziger Jahren die ersten Beiträge zu einer empirisch-quantitativ orientierten Lebensstandard- und Zeitbudgetforschung geleistet45 und waren auch Wegbereiter einer Analyse der Arbeits- und Lebensbedingungen in der DDR-Gesellschaft.

Die Forschungsaktivitäten der Ökonomen waren durch die Absicht geleitet, das traditionelle System der Volkswirtschaftsplanung effzienter zu gestalten, eine Abstimmung zwischen den verschiedenen Bereichen der gesamtgesellschaflichen Planung zu erreichen und Entwicklungsniveaus konkret zu messen. Diese Orientierung kam exemplarisch in dem Sammelband „Das materielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes und seine volkswirtschaftliche Planung“ (1975) zum Ausdruck: „Für die Planung der Volkswirtschaft ist ein konstanter Fluß von Informationen und Ziffern erforderlich. Sie ermöglichen, den erreichten Stand und sich abzeichnende Entwicklungstendenzen festzustellen, sie sollen das Wesentliche einer bestimmten qualitativen Erscheinung quantitativ zum Ausdruck bringen und, bezogen auf ihre Verwendung, bei der Analyse und Planung die Möglichkeit bieten, Schlußfolgerungen für die weitere Entwicklung abzuleiten“46.

Ein wichtiger Erkenntnisfortschritt war mit Forschungsansätzen verbunden, das ideologisch präformierte Leitbild der sozialistischen Lebensweise als sozialökonomische Planungskategorie zu operationalisieren, indem es mit einer Theorie der individuellen Bedürfnisse verknüpft wurde. Im Mittelpunkt der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung stand die  kennziffernmäßige Erfassung des Lebensniveaus, gegliedert nach Bedürfniskomplexen bzw. nach den Ebenen der Gesamtgesellschaft, einzelner Klassen und Schichten sowie unterschiedlicher sozialer Gruppen47. Als „Bedürfniskomplex“ wurde dabei „die Zusammenfassung vieler Einzelbedürfnise bezeichnet, die sich auf gleiche Grundfunktionen beziehen“48. Zu den Bedürfniskomplexen wurden gezählt: Arbeitsbedingungen – Ernährung  – Kleidung – Wohnung – Gesundheit – Bildung – Kultur – Kommunikation49. Fur die langfristige Planung sollten die Bedürfniskomplexe so operationalisiert werden, „daß konkrete Ziele abgeleitet werden können, die sich in einzelnen Planteilen niederschlagen und insgesamt bilanziert werden“50.

Bereits in der Mitte der siebziger Jahre war die Volkswirtschaftsplanung im Hinblick auf die quantitative Bestimmung der materiellen Lebensbedingungen stark ausdifferenziert: „So wurde festgestellt, daß in der DDR die Planung und Statistik mit 121 Hauptkennziffern des Lebensniveaus arbeiten, von denen allerdings die meisten eine mehr oder minder große Zahl einzelner Kennziffern zusammenfassen. So gliedern sieh beispielsweise die Hauptkennziffern Nahrungsmittelverbrauch in 34, Anschaffung industrieller Konsumgüter in 28, Krippen in 5, Tarife und Gebühren in 7 und Arbeiterversorgung in 27 einzelne Kennziffern. Hinzu kommt eine Reihe weiterer Kennziffern für spezielle Zwecke, so daß für eine detaillierte Untersuchung des Lebensniveaus mehr als 1000 Kennziffern benötigt werden“51.

In solchen Feststellungen zeigte sich eine Art von Planungsperfektionismus, die auf dem Hintergrund rückständiger Standards der Datengewinnung und Datenverarbeitung geradezu  illusionär anmutet. Gleichzeitig läßt die Auswahl der Bedürfniskomplexe eine Tendenz zum ökonomischen Reduktionismus im Hinblick auf die Bestimmung der gesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktionen erkennen, die sicher auch aus dem ökonomischen Entstehungs- und Verwertungszusammenhang dieser Forschungsansätze erklärbar ist.

Die Konstruktion von Systemen sozialer Iindikatoren wurde in der DDR-Soziologie seit 1978 als Forschungsproblem im Institut fur Soziologie und Sozialpolitik bearbeitet, die ersten Forschungsergebnisse wurden 1980 publiziert52. Im allgemeinen wurden drei Gründe fur die Etablierung einer eigenen Sozialindikatorenforschung genannt: das politische Verwertungsinteresse (Planungsrelevanz); das soziologische Erkenntnisinteresse (Forschungsrelevanz); das komparative Interesse (internationale Vergleichsstudien)53. Horst Berger und Herbert F. Wolf haben daneben auch den Aspekt der Selbstaufklärung der Gesellschaft betont: „Schließlich erfordert die sozialistische Demokratie exakte Information über den erreichten Entwicklungsstand und die künftigen Entwicklungstendenzen … In diesem Sinne sind soziale Analysen und Prognosen, wie sie durch Sozialindikaloren ausgedrückt werden, in der Darstellung der Problemhaltigkeit und Kompliziertheit unserer  Entwicklungsprozesse zugleich ein mobilisierendes Element“54.

Im Hinblick auf den Ursprung der Sozialindikatorenbewegung in den westlichen Industrieländern55  waren die DDR-Soziologen aus verständlichen politischen Gründen bemüht, die eigenen Forschungsansätze gegenüber dem westlichen Entstehungshintergrund abzugrenzen und ihren sozialismusspezifischen Schwerpunkt zu unterstreichen, indem sie auf die Planungsrelevanz sozialer Indikatoren für die Gestaltung einer sozialistischen Sozialpolitik und gleichzeitig auf den Zusammenhang mit dem Konzept der sozialistischen Lebensweise verwiesen. Die prinzipielle Differenz zwischen der westlichen und der sozialistischen Sozialindikatorenforschung  wurde vor allem auf der theoretischen Ebene markiert. Gegen die westliche Sozialindikatorenforschung wurde der Positivismusvorwurf geltend gemacht, der sie konzeptionell grundsätzlich von der gesellschaftstheoretischen Fundierung der marxistisch-leninistischen Soziologie unterscheide56. Unbeschadet von dieser gesellschaftwissenschaftlich molivierten (deutlich ideologisch eingefärbten) Kritik an der westlichen Sozialindikatorenbewegung eigneten sich die DDR-Soziologen das begriffliche und methodische Instrumentarium der westlichenSozialindikatorenforschung aber weitgehend an. So definierte Artur Meier – im Anschluß an Erik Allardt – Sozialindikatoren als  „Kennziffern einer auf die Deskription und normative Analyse gesellschaftlicher Zustände angelegten Sozialwissenschaft im Dienste einer bestimmten Sozialpolitik, ein statistisches Instrument zur Diagnose und Planung gesellschaftlicher Prozesse und Lebensbereiche“57. Die grundlegende Unterscheidung zwischen objektiven Sozialindikatoren (die Lebensbedingungen quantitativ erfassen) und subjektiven Sozialindikatoren (die Lebenszufriedenheit in unterschiedlichen Lebensbereichen messen) wurde von DDR-Soziologen ebenfalls übernommen58 .

Indem die konzeptionelle Differenz bei der Konstruktion von Sozialindikatorensystemen auf eine prinzipielle gcsdlschaflstheoretische Differenz zurückgeführt wurde, ergab sich zugleich die Möglichkeit, den Sozialindikatorenansatz für den Vergleich unterschiedlicher Gesellschaftssysteme weitgehend in Frage zu stellen. Statt dessen wurde gefordert, „die qualitativen Merkmale der sozialistischen Lebensweise quantitativ so zu erfassen, daß sie in ihrer Gesamtheit die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung nachweisen. Der Vergleich einzelner Indikatoren oder Kennziffern unterschiedlicher sozialökonomischer Qualität dürfte nur in Ausnahmefällen sinnvoll sein; verglichen werden kann nur das System in seiner Gesamtheit, da es in der Totalität die historisch neue Oualität der sozialistischen Lebensweise und damit der sozialistischen Gesellschaftsordnung widerspiegelt … Darüber hinaus ist es zweifelsohne schwierig … die qualitativ bestimmten Merkmale der sozialistischen Lebensweise quantitativ mittels der ‚Sozialindikatoren‘ zu erfassen“59.

Der Rückstand einer empirischen Sozialindikatorenforschung in der DDR ist auf dem 3. Soziologie-Kongreß der DDR ausdrücklich konstatiert worden: „Soziale Indikatoren sind ein wichtiges Instrumentarium für die soziologische Erforschung von Sozialstruktur und Lebensweise der sozialistischen Gesellschaft. Die Hauptfunkton von Indikatorensystemen besteht darin, wesentliche Entwicklungsprozesse der Sozialstruktur und Lebensweise kennziffernmäßig widerzuspiegeln. Um die Zielstellungen, Prinzipien und Aufgaben sozialistischer Sozialpolitik in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft begründen, analysieren, planen, leiten, kontrollieren und realisieren zu können, bedarf es der Ausarbeitung von Systemen sozialer Indikatoren für verschiedene Bereiche der Gesellschaft“60. Der politische Auftrag an die DDR-Soziologen, eine eigene sozialismusspezifische Sozialindikatorenforschung zu begründen, setzte sie einem prekären Erkenntnisdilemma aus: die systempolitische Vorgabe, Konzeptionen einer vergleichenden Wohlfahrtsmessung aus ideologischen Gründen zurückzuweisen, hatte zur Folge, daß damit zugleich die Übernahme der erprobten westlichen Indikatorentableaus für die eigene Sozialberichtestattung ausgeschlossen wurde. So erklärt sich, daß die DDR-Soziologie zwar die Terminologie der westlichen Sozialindikatorenforchung benutzte, im Hinblick auf die Konstruktion von Indikatorensysemen aber einen eigenen Weg beschreiten mußte.

Eine erste systematische Einführung in die Sozialindikatorenforschung der DDR haben Horst Berger und Eckhard Priller 1982 vorgelegt und dabei gleichzeitig die wichtigsten Forschugnsaufgaben umrissen: „Unseres Erachtens muß sich die Indikatorenforschung auf zwei zusammengehörende Hauptgebiete konzentrieren. Erstens gilt es, für wichtige Objektbereiche der soziologischen Forschung Standardindikatoren bzw. theoretisch bestimmte und empirisch geprüfte Indikatorenbatterien zu entwickeln, damit die Vergleichbarkeit und Effektivität soziologischer Untersuchungen ggewährleistet und erhöht werden kann. Zweitens gilt es, Systeme sozialer Indikatoren zu erarbeiten, die als wichtiges Mittel für eine wissenschaflich begründete und effektive Informationsbasis zur Erhöhung des Niveaus der Leitung und Planung der komplexen sozialökonomischen Entwicklung unserer sozialistischen Gesellschaft beitragen“61.

 

VI

Während die Phase der Konzeptualisierung der Soziaindikatorenforschung in der DDR noch einigermaßen transparent blieb, vollzog sich ihre Operationalisierung unter weitgehender Geheimhaltung. Bis 1984 wurde am Institut für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften ein „System sozialer Indikatoren zur Analyse, Leitung und Planung der sozialistischen Lebensweise“ ausgearbeitet62, das als Grundlage für die Entwicklung einer Sozialberichterstattung in der DDR dienen sollte, die seit 1985 in Ansätzen versucht worden ist, obwohl sich erhebliche Probleme bei der Datenbeschaffung zeigten. Bis 1989 wurden schließlich vier Berichte zur sozialen Lage in der DDR verfaßt: „Damit wurde von Anbeginn das Ziel verfolgt, auf Tendenzen in der Entwicklung der sozialen Lage, auf vorhandene Diskrepanzen in den Lebensbedingungen verschiedener sozialer Gruppen und territorialer Einheiten aufmerksam zu machen. Vor allem in den Berichten 1988 und 1989 wurde auf zunehmende Widersprüche in der sozialen Entwicklung verwiesen. Hoher Vertraulichkeitsgrad und eine Begrenzung der angefertigten Stückzahlen auf höchstens zehn Exemplare/Jahr, die der damaligen Partei- und Staatsführung übergeben wurden, verhinderten die erforderliche Öffentlichkeit. Es wird für die historische Aufarbeitung dieser Zeit auch von Interesse sein, in welchem Maße sich Wissenschaftler der Analyse realer Prozesse stellten, ohne die Unterordnung der Wissenschaft unter politische Interessen einzelner Spitzenfunktionäre überwinden zu können“63.

Der Sachverhalt, der erst nach dem politischen Umbruch im November 1989 bekannt geworden ist, dokumentiert auf signifikante Weise das Dilemma der DDR-Soziologie in den achtziger Jahren. Schon am Ende der siebziger Jahre war die soziologische Forschung in der DDR wachsendem politischen Argwohn ausgesetzt, weil sie Ergebnisse zutage gefördert hatte, die im deutlichen Kontrast zur ideologischen Erfolgspropaganda standen. Das Institut für Meinungsforschung beim ZK der SED wurde 1978 nach einer persönlichen Entscheidung Erich Honeckers, der offenbar kontroverse Debatten im Politbüro vorausgegangen waren, geschlossen. Als Begründung nannte Honecker gegenüber der Institutsdirektorin Helene Berg u. a. „die Spionagetätigkeit des Klassengegners nehme ständig zu und es müsse alles getan werden, daß ihm keine Daten in die Hände fallen64. Die Begründung läßt den Schluß zu, daß die Ergebnisse der Umfrageforschung für die Politik der SED ungünstiger ausgefallen waren, als der Generalsekretär erwartet hatte. Warum sonst hätte er fürchten müssen, daß der Klassengegner daraus Kapital schlagen könnte? So wurde in einem Akt der Realitätsverdrängung der Überbringer schlechter Nachrichten als ihr Urheber diskreditiert und man befreite sich von den irritierenden Resultaten seiner Aktivität durch einfache Institutsauflösung.

Auch das Zentralinstitut für Jugendforschung geriet wiederholt unter Existenzdruck, weil es mit seinen Untersuchungen die Grenzen sozialistischer Bewußtseinsbildung in der jungen Generation markiert und damit auch auf neue Konflikte und Widersprüche in der DDR-Gesellschaft verwiesen hatte65. In dem Maße, wie sich die Soziologie um gesellschaftliche Aufklärung bemühte, wurde sie mit administrativen Mitteln verschärft diszipliniert und auf eine instrumentelle sozialtechnologische Hilfsfunktion beschränkt. Zahlreiche renommierte Soziologen wie Heinz Kallabis, Hansgünter Meyer oder Peter Voigt wurden Opfer massiver Disziplinierungsmaßnahmen66, die Genehmigungspraxis für empirische Untersuchungen und Buchveröffentlichungen wurde unkalkulierbar restriktiv gehandhabt67 , so daß erhebliche Teile der relevanten soziologischen Forschung in eine Grauzone68  abgedrängt wurden, die ihre Außcnwahrnehmung weitgehend verhinderte.

Spektakuläre neue Akzentsetzungen in der soziologischen Forschung der DDR wurden zuletzt in der ersten Hälfte der achtziger Jahre erkennbar, als Manfred Lötsch die These vertrat, in der DDR sei die Periode sozialen Wandels weitgehend abgeschlossen. Die Entwicklung der Gesellschaft zur „sozialen Stabilität“69  wird dabei vorwiegend  durch ökonomische Faktoren erklärt: „Während extensives Wirtschaftswachstum durch tiefgreifende Veränderungen in den zahlenmäßigen Proportionen der Klassen und Schichten gekennzeichnet ist, beruht intensives Wachstum auf einer Stabilisierung der herausgebildeten zahlenmäßigen Proportionen der Klassen- und Schichtenstruktur“70. Lötsch wies nach, daß die weitreichenden Prozesse sozialer Mobilität in den fünfziger und sechziger Jahren durch eine zunehmende Tendenz zur Reproduktion der Sozialstruktur abgelöst worden sind, wobei seit Beginn der siebziger Jahre die Selbstrekrutierung von Eliten zugenommen hat71.

Dieser soziologische Befund ließ sich vordergründig mit dem Gleichheitsprinzip sozialististischer Gesellschaftspolitik nur schwer vereinbaren. Seine politische Sanktionierung ergab sich vornehmlich aus der ökonomischen Interessenlage der SED. Lötsch unterstrich die Notwendigkeit, das Verhältnis von Gleichheitszielen und Effektivitätszielen in der Politik neu zu bestimmen, die traditionelle Vorstellung „sozialer Homogenität“ durch ein Konzept zu ersetzen, das die „ökonomisch effektive Funktion sozialer Unterschiede“ im Sinne einer verstärkten Anwendung des Leistungsprinzips anerkennt72.

Während die Debatte über das Verhältnis von Gleichheit und Differenzierung im Sozialismus zunächst kontrovers verlief, war die von Lötsch verfochtene Position in der Mitte der achtziger Jahre zur herrschenden Auffassung der Soziologen geworden. Ihre politische Brisanz wurde durch ihre ökonomische Plausibilität in den Hintergrund gerückt. Freilich zogen die Herrschenden daraus keine gesellschaftspolitischen Konsequenzen. Die Gerontokratie des Politbüros ließ alles beim alten: Die Soziologen wurden nicht zur gesellschaftlichen Innovation in Anspruch genommen, sondern blieben auf die Rolle von Sozialtechnologen beschränkt.

Diese fragwürdige Situation wurde auf dem 4. Kongreß der marxistisch-leninistischen Soziologie, der vom 26. bis 28. März 1985 unter dem Thema „Soziale Triebkräfte des ökonomischen Wachstums“ unter Teilnahme von etwa 350 Soziologen stattfand, besonders deutlich. Realitätsblinde Systemapologetik mußte zur Legitimation einer Wissenschaft herhalten, deren kritische Erkenntnisfunktion durch ihre politische Instrumentalisierung überlagert (teilweise erstickt) wurde, wie aus dem Vorwort zur Kongreßdokumentation deutlich hervorgeht: „Angesichts der Krise in entwickelten kapitalistischen Industrieländern und im Gegensatz zu Konzeptionen insbesondere konservativer bürgerliche Sozialwissenschaftler zur Rechtfertigung von Sozialabbau und zur kapitalistischen Rationalisierung mit ihren sozialen Folgen wie Massenarbeitslosigkeit und Angriffen auf soziale Errungenschaften der Werktätigcn bot sich auf dem Kongreß eine völlig andere, eine wahrhaft humanistische und optimistische Perspektive“73.

Wenn man genauer hinsieht, wird jedoch deutlich, daß hinter dieser glattpolierten Fassade erhebliche Interessenkonflikte zwischen Politik, Ideologie und soziologischer Forschung verborgen waren, die Rudi Weidig in seinem Hauptreferat zumindest vorsichtig apostrophierte. Dabei wurde –  wenn auch durch beflissene Rhetorik überdeckt – das zunehmende Dilemma realsozialistischer Machtausübung in der DDR angedeutet: der wachsende Widerspruch zwischen der realen Politik und ihrer gesellschaftlichen Akzptanz, die sich in den konkreten Interessen und Bedürfnissen der Menschen manifestiert. Wenn soziologische Untersuchungen – wie von Weidig betont – „eine allgemeine Tendenz: nämlich die wachsenden qualitativen Ansprüche an alle Lebensbereiche“ zeigen74, dann wirft das zwangsläufig Fragen nach der Wohlfahrtkompetenz, nach der Qualität der „Gesellschaftsstralegie der SED“, auf – auch wenn diese nicht explizit gestellt werden.

Andeutungsweise wurden sogar Mängel im System der sozialistischen Demokratie eingestanden: „So zeigten unsere Forschungen, daß bei einer zunehmenden Zahl von Werktätigen, besonders bei jüngeren Menschen, das Bedürfnis stark ausgeprägt ist, … sich als Subjekt betätigen und bestätigen zu können, an Entscheidungen, die eigene Lebcnsinteressen und Leistungen betreffen, mitzuwirken, aktiv eigene Interessen und Meinungen geltend zu machen … „75. Während Weidig diesen Partizipationsanspruch vorwiegend auf die Sphäre der Produktion bezog, haben jugendsoziologische Untersuchungen sehr deutlich das Ausmaß an Entfremdung zwischen politischer Führung und Gesellschaft, die Folgenlosigket sozialistischer Erziehung und Bewußtseinsbildung, die Zunahme eines Legitimationsdefizits aufgewiesen76.

 

VII

Es kennzeichnet den Charakter der Politik ebenso wie den Zustand der Soziologie, daß solche kritischen Befunde vor der Wende im Spätherbst 1989 der Öffentlichkeit unzugänglich blieben. Es kann daher nicht geleugnet werden: Soziologische Forschung in der DDR war während ihrer 25jährigen institutionalisierten Existenz in der DDR 77 in erheblichen Teilen „Parteiarbeit“, disponibles „Herrschaftswissen“78, als kritische Sozialwissenschaft weitgehend suspendiert. Einzelne DDR-Soziologen haben diese bittere Erkenntnis auf dem 5. Soziologie-Kongreß. der vom 6. bis 8. Februar 1990 unter dem neugewählten Thema „Soziologie im Prozeß der Erneuerung“ durchgeführt wurde79, ausgesprochen und selbstkritisch Bilanz gezogen: Fixiert auf die Gesellschaftstheorie der Herrschenden habe sich die Soziologie als unfähig erwiesen, die „entstandenen Widersprüche im grundlegenden Bedingungs- und Strukturzusammenhang der Gesellschaft“ und die Zuspitzung der Krise des politischen Systems zu erkennen, „und so mußte sich die Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft schließlich vor der gesellschaftlichen Praxis blamieren“80.

Unter den angestrebten Bedingungen herrschaftsfreier pluralistischer Forschung steht die Soziologie in der DDR vor neuen Aufgaben, die sie nur lösen kann, wenn sie sich von den Hypotheken der Vergangenheit befreit. Zu einer Bilanz gehört, daß man Mängel und Versagen markiert, zugleich aber auch nach der bleibenden Substanz einer Forschung fragt, die zumindest in Teilen dem Ziel gesellschaftlicher Aufklärung verpflichtet blieb81 . Die Qualität von Forschungsergebnissen kann nicht durch politische Gütesiegel festgestellt werden, sie muß sich im wissenschaftlichen Diskurs erweisen. Dazu möchte der vorliegende Sammelband, der Beiträge von Soziologen aus der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vereinigt und Analysen präsentiert, die vor und nach dem Umbruch 1989 verfaßt worden sind, einen Beitrag leisten.

 

Anmerkungen

1  Zur Geschichte der Soziologie vgl. vor allem Emil Schmickl: Soziologie in der DDR als Ergebnis sozialen Wandels und politischer Programmatik. Analysen und Berichte aus Gesellschaft und Wissenschaft 1/75, Erlangen 1975; ders.: Soziologie, in: Hans Lades/Clemens Burrichter (Hrsg.): Produktivkraft Wissenschaft. Sozialistische Szialwissenschaften in der DDR, Hamburg 1970, S. 137ff. Hellmuth G. Bütow: Zur Entwicklung der Soziologie und Sozialpsychologie in der DDR, in: Rüdiger Thomas (Red.):Wissenschaft und Gesellschaft in der DDR, München 1971, S. 166ff.

2  Vgl. dazu Helmut Steiner: Zur Soziologie nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, in: Christoph Cobet (Hrsg.): Einführung in Fragen an die Soziologie in Deutschland nach Hitler1945 – 1950, Frankfurt a. M. 1988, S. 76ff.

3  Vgl. etwa H. Thurnwald: Gegenwartsprobleme Berliner Familien. Eine soziologische Untersuchung an 498 Familien, Berlin 1948; G. Eisermann (Hrsg.):Gegenwartsprobleme der Soziologie. Alfred Vierkandt zum 80. Geburtstag, Potsdam 1949.

4  Siehe dazu Joachim Streisand: Kritisches zur deutschen Soziologie. Ein Beitrag zur Überwindung des Objektivismus. Diss. Humboldt-Universität, Berlin 1952.

5  Bezeichnenderweise wurde seine Studie unter dem Titel „Sociologiceskie zakony“ zuerst in der sowjetischen Zeitschrift Voprosy filosofii 5/1957, S. 95ff. publiziert. Nachdruck in Jürgen Kuczynski: Sudien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Bd. 10, Berlin 1978, S. 224ff. Vgl.auch: Merkwürdiges Schicksal und ungelöste Grundfragen einer Wissenschaft, ebd., S. 157ff.

6   Vgl dazu Hellmuth G. Bütow: Soziologie und empirische Sozialforschung I und II. Hochschulinformationen 5/1965 u. 1/1967.

7   Peter Christian Ludz: Soziologie und empirische Sozialforschung in der DDR, in: ders. (Hrsg.): Studien und Materialien zur Soziologie der DDR (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 8), Köln/Opladen 1964, S. 327ff.

8   Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin 1963, S. 102.

9  Kurt Hager: Probleme und Aufgaben der Gesellschaftswissenschaten nach dem 5. Plenum des ZK, in: Einheit 4/1964, S. 60.

10  Soziologie und Praxis, Berlin 1965, S. 11.

11 Einen guten Überblick bietet Peter Christian Ludz: Soziologie und Marxismus in der Deutschen Demokratischen Republik. 2 Bde., Neuwied 1972, der repräsentative Beiträge von DDR-Soziologen für diesen Zeitraum zusammengestellt hat. Vgl. hierzu auch Dieter Voigt: Soziologie in der DDR, Köln 1975.

12 Vgl. insbesondere Artur Meier: Soziologie des Bildungswesens, Berlin 1974.

13 Vgl. dazu Soziologie im Sozialismus, Berlin 1970.

14  Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Berlin 1969. Eine wesentlich erweiterte und überarbeitete 2.Auflage erschien 1977.

15 Vgl. dazu als Beispiel: Einführung in die soziologische Forschung. Hrsg. von Horst Jetzschmann, Heinz Kallabis, Robert Schulz und Horst Taubert, Berlin 1966.

16  Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Berlin 1977.

17  Die Ergebnisse des Kongresses sind in 3 Bänden dokumentiert: Soziologische Probleme der Klassenentwicklung in der DDR; Lebensweise – Kultur – Persönlichkeit; Aktivität – Schöpfertum – Leitung und Planung, jeweils Berlin 1975.

18  Zum Konzept vgl. Zur Sozialstruktur der sozialisitschen Gesellschaft, Berlin 1974. – Weiterführende Iinformationen bei Horst Laatz: Klassenstruktur und soziales Verhalten. Zur Entstehung der empirischen Sozialforschung in der DDR, Köln 1990; vgl. auch ders., Soziologische Forschung und Gesellschaft in der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte,   B 16 – 17/84, S. 18ff. (Der Autor war an der Sozialstrukturuntersuchung 1973 maßgeblich beteiligt.)

19  Georg Aßmann/Rudhart Stollberg (Hrsg.): Grundlagen der marxistisch-leninistischen Soziologie, Berlin 1977, S. 6.

20  Ebd., S. 26f.

21  Thalmann 1948. Zit. bei Werner Ruß: Die Sozialversicherung in der DDR, Frankfurt/M. 1982, S. 8.

22  Helga Ulbricht: Aufgaben der sozialistischen Sozialpolitik bei der Gestaltung der sozialen Sicherheit in der DDR. Habilitationsschrift, Leipzig 1965. Die Autorin konstatiert in der Einleitung, daß es „keine geschlossene Darstellung über die sozialistische Sozialpolitik in der DDR, weder über ihre Zielsetzung, noch über ihre Aufgaben“ gibt, noch nicht einmal eine „geschlossene Übersicht darüber, auf welchen Gebieten, mit welcher konkreten Zielsetzung und mit welcher Intensität Sozialpolititk betrieben wird“ (S. VIII).

23  Ebd., S. 62.

24  Wolf-Rainer Leenen: Zur Frage der Wachstumsorientierung der marxistisch-leninistischen Sozialpolitik in der DDR, Berlin 1977, S. 20f.

25  Eb., S. 22f.

26  Gunter Thude, Soziale Sicherheit, Berlin 1965, S. 14.

27  Leenen: Sozialpolitik (Anm. 24), S. 24.

28  Ruß: Sozialversicherung (Anm. 21), S. 16.

29  Ebd., S. 19.

30  Leenen : Sozialpolitik (Anm. 24), S. 75.

31  Vgl. zu dieser Periode insbesondere: Sozialpolitik, Betrieb, Gewerkschaften, Berlin 1972.

32  Kulturpolitisches Wörterbuch, Berlin 1978, S. 633.

33  Wörterbuch der Soziologie (Anm. 16), S. 583.

34  Wörterbuch zur sozialistischen Jugendpolitik, Berlin 1975, S. 265.

35  „Der gesellschaftliche Effekt sozialpolitischer Maßnahmen wird gemessen an der vorrangigen Befriedigung von Bedürfnissen, die objektiven gesellschaftlichen Erfordernissen entsprechen und von der Mehrheit der Bevölkerung als vordringlich angesehen werden“. (Ebd.) Zum Begriff der „sozialen Effektivität“ vor allem Otto Reinhold: Ökonomische und soziale Effektivität, in: Hauptwege zur Steigerung der Arbeitsproduktivität für die weitere Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften der DDR. Jg. 1978 – Nr. W 8, Berlin 1979, S. 79ff.

36  Wörterbuch der Soziologie (Anm. 16), S. 390.

37 „Diese Weise der Produktion … ist vielmehr schon eien bestimmte Art, … ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“ (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, Berlin 1958, S. 21.)

38  Vgl. dazu Hans Dietrich Engelhardt u. a. : Lebensqualität – Zur inhaltlichen Bestimmung ener aktuellen politischen Forderung, Wuppertal 1973; Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): „Lebensqualität?“ Von der Hoffnung, Mensch zu sein, Köln 1974.

39  Vgl. dazu zusammenfassend Michael Langhof: Sozialistische Lebensweise – Ideologischer Kampfbegrif oder sozialökonomische Planungskategorie, in: Die DDR im Entspannungsprozeß. Lebensweise im realen Sozialismus. Dreizehnte Tagung zum Stand der DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland, 27. bis 30. Mai 1980. Edition Deutschland Archiv, Köln 1980, S. 18ff. Aus der Fülle von Veröffentlichungen in der DDR sei auf folgende resümierende Studien verwiesen: Probleme der sozialistischen Lebensweise. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften der DDR, Jg. 1977 – W 5, Berlin 1977 und Günter Manz: Aspekte der Bestimmung und der planmäßigen Gestaltung der sozialistischen Llebensweise, in: Wirtschaftswissenschaft 8/1981, S. 936ff.

40 Vgl. den Kongreßband Lebensweise und Sozialstruktur, Berlin 1981 sowie: Bericht über den 3. Kongreß der marxistisch-leninistischen Soziologie in der DDR, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 8/1980, S. 978 ff.

41  Siehe dazu Michael Häder: Indikatoren zur soziologischen Analyse von Sozialstruktur und Lebensweise, in: Lebensweise und Sozialstruktur (Anm. 40), S. 304ff.

42  Autorenkollektiv unter Leitung von Gunnar Winkler: Ökonomische und soziale Probleme der weiteren Ausprägug der sozialistischen Lebensweise. Thesen, in: Probleme der Lebensweise (Anm. 39), S. 15.

43  Zentraler Forschungsplan der marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaften 1981 bis 1985, in: Einheit 12/1980, S. 1216.

44  Ebd., S. 1217.

45  In der DDR wurde 1963 der „Arbeitskreis Lebensstandard“ des „Beirats für ökonomische Forschung“ gegründet. Vgl. dazu ausführlich Autorenkollektiv unter Leitung von Günter Manz: Beiträge zur Lebensstandardforschung, Berlin 1967; insbesondere Gerhard Lippold: Zur Systematik der Kennziffern des Lebenstandards, ebd., S. 32ff. – Zur Zeitbudgetforschung: Autorenkollektiv unter Leitung von Gerhard Lippold: Das Zeitbudget der Bevölkerung, Berlin 1971.

46  Das mateielle und kulturelle Lebensniveau des Volkes und seine volkswirtschaftliche Planung, Berlin 1975, S. 72.

47  Ebd., S. 41.

48  Heinz-Dieter Haustein/Günter Manz: Bedürfnisse – Bedarf – Planung, Berlin 1976, S. 89.

49  Vgl. Lebensniveau (Anm. 46), S. 100.

50  Haustein/Manz: Bedürfnisse (Anm. 48), S. 86.

51  Lebensniveau (Anm. 46), S. 44. – Die Planungsordnung der DDR enthielt eine große Anzahl von Kennziffern zur Planung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Bevölkerung, die jedoch nicht auf einzelne Verantwortungsbereiche aufgeschlüsselt waren, sondern als quantitative Zielgrößen fungierten. Vgl. Anordnung über die Ordnung der Planung der Volkswirtschaft 1976 bis 1980 (Gbl. 1974, Sonderdruck Nr. 775 a/b) bzw. 1981 bis 1985 (GBl. 1980, Sonderdruck Nr. 1020). Vgl. auch Lexikon der Wirtschaft. Volkswirtschaftsplanung, Berlin 1980, S. 440f.

52  Vgl. dazu im einzelnen Rüdiger Thomas: Sozialindikatoren als Evaluationskriterien für systemvergleichende Analysen (untersucht am Beispiel der beiden deutschen Staaten), Forschungsbericht Köln/Bonn 1982 (vervielf. Typoskript), S. 57ff. Die wichtigsten Beiträge dieser frühen Implementierungsphase waren Artur Meier: Sozialindikatorenbewegung und bürgerliche Alltagssoziologie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1/1980, S. 71 ff.; Horst Berger/Herbert F. Wolf: Indikatoren für die soziologische Analyse von Sozialstruktur und Lebensweise, ebd., S. 95ff.; Horst Berger/Werner Klimek: Zum Begriff und zur Rolle von Indikatoren in der soziologischen Forschung, In: Jahrbuch für Soziologie und Sozialpolitik 1980, Berlin 1980, S. 146ff.; Horst Berger/Werner Klimek/Eckhard Priller: Vergleichende Studie über soziale Indikatoren, in: Protokolle und Informationen des Rates für Sozialpolitik und Demographie 1/1980; Ursula Kaftan: Methoden zur Unterscheidung subjektiver und objektiver Indikatoren, in: Informationen zur soziologischen Forschung in der DDR 5/1980, S. 39 ff.; Kurt Mühler: Bemerkungen zur komplexen Beschreibung und Prognose sozialer Prozesse mittels Sozialindikatoren, in: Informationen zur soziologischen Forschung in der DDR 4/1982, S. 3 ff.

53  So etwa Gunnar Winkler: Zur höheren Qualität der Verbindung von Soziologie und Sozialpoliitk, in: Jahrbuch für Soziologie und Sozialpolitik 1982, Berlin 1982,  S. 32. Vgl. auch ähnlich Berger/Klimek: Indikatoren (Anm. 52), S. 155.

54  Berger/Wolf: Indikatoren (Anm. 52), S. 97.

55  Grundlegende Beiträge sind Raymond A. Bauer (ed.): Social Indicators, Cambridge/Mass. 1966; Wolfgang Zapf: Probleme und Möglichkeiten der Sozialberichterstattung. Eine Studie im Auftrag der Kommission für wirtschaftlichen Wandel, Mannheim 1975; Rudolf Werner: Soziale Indkatoren und politische Planung. Eine Einführung in Anwendungen der Makrosoziologie, Reinbek 1975; Christian Leipert: Gesellschaftliche Berichterstattung. Eine Einführung in Theorie und Praxis sozialer Indikatoren, Berlin/Heidelberg/New York 1978; Matthias Peters/Peter Zeugin: Sozialindikatorenforchung. Eine Einführung, Stuttgart 1979. – Internationale Vergleiche behandeln Joachim Hoffmann-Nowotny (Hrsg.): Soziale Indikatoren. Internationale Beiträge zu einer praxisorientierten Forschungsrichtung, Frauenfeld/Stuttgart 1976;  ders. (Hrsg.): Soziale Indikatoren im internationalen Vergleich, Frankfurt/New York 1980; Charles L. Taylor (ed.): Indicator Systems for Political, Economic and Social Analysis, Cambridge/Mass. u. Königstein 1980. Vgl. auch Reimut Emde: Sozialindikatoren und Systemvergleich, Frankfurt/New York 1979.

56  Vgl. dazu Eckhard Priller: Methodologische und methodische Probleme der Indikatorengewinnung in der soziologischen Forschung, Diss. Humboldt-Universität Berlin 1978 (unveröff. Typoskript), S. 68.

57  Meier: Sozialindikatorenbewegung (Anm. 52), S. 72.

58  Vgl. Herbert F. Wolf: Subjektive Sozialindikatoren und sozialistische Lebensweise, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 3/1983, S. 250 ff. – Berger/Priller unterscheiden: „Sozialindikatoren zur Erfassung des Aufwandes“, „Sozialindikatoren zur Erfassung der erreichten Leistungen und erzielten Ergebnisse“ sowie „Sozialindikatoren zur Erfassung der Zufriedenheit mit sozialen Maßnahmen“. (Horst Berger/Eckhard Priller: Indikatoren in der soziologischen Forschung, Berlin 1982, S. 86).

59  Berger/Klimek:Indikatoren (Anm. 52), S. 158.

60  Die Arbeitsgruppen des 3. Soziologie-Kongresses in der DDR, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1/1980, S. 92.

61  Berger/Priller: Indikatoren (Anm. 58), S. 143.

62  Vgl. Horst Berger u. a.:System sozialer Indikatoren der sozialistischen Lebensweise, in: Soziologie und Sozialpolitik. Beiträge aus der Forschung 1/1984, S. 41ff.

63  Gunnar Winkler (Hrsg.): Sozialreport ’90. Daten und Fakten zur sozialen Lage in der DDR, Berlin 1990, S. 7.

64  Walter Friedrich: Sozialwissenschaften in der DDR. Die rosarote Brille – selbstverordnet, in: Das Parlament, Nr. 18 vom 27. April 1990, S. 8.

65  Ebd.

66  Solche Repressalien haben die Geschichte der DDR-Soziologie begleitet. Heinz Kallabis wurde bereits Ende der sechziger Jahre als Professor an der Gewerkschaftshochschule Bernau fristlos entlassen, weil er eine kritische politische Soziologie vertrat. Hansgünter Meyer, erster amtierender Vorsitzender der im Februar 1990 gegründeten Gesellschaft für Soziologie, wurde 1974 aus dem Wissenschaftlichen Rat für Soziologische Forschung entfernt und an das Akademie-Institut für Wissenschaftstheorie versetzt. Der Rostocker Universitätslehrer Peter Voigt wurde 1984 gemaßregelt, weil er Kritik an der sozialpolitischen Konzeption der SED geübt hatte. Vgl. dazu: Die DDR-Soziologie ist nicht mehr länger geheim, in: Berliner Zeitung vom 1. Februar 1990, S. 9; Der Spiegel, Nr. 123 vom 19. März 1990,          S. 85.

67  Zwei symptomatische Beispiele: Ein von Walter Friedrich herausgegebenes „Handbuch der Jugendforschung“ wurde 1969 noch nach Drucklegung eingestampft. Der für 1985 angekündigte Sammelband „Sozialstruktur der DDR“ erschien mit 3jähriger Verzögerung (Berlin 1988).

68  Besonders instruktiv sind die Festgaben, die das Zentralinstitut für Jugendforschung zum 50. und 60. Geburtstag von Walter Friedrich 1979 und 1989 als Typoskriptdrucke vorgelegt hat. Von den etwa 430 umfangreichen Forschungsberichten des ZIJ sind nur geringe Teile veröffentlicht worden.

69  Manfred Lötsch/Joachim Freitag: Sozialstruktur und soziale Mobilität, in: Jahrbuch für Soziologie und Sozialpolitik 1981, Berlin 1981, S. 95.

70  Rudi Weidig: Soziale Triebkräfte ökonomischen Wachstums, in: Soziale Triebkräfte ökonomischen Wachstums. Materialien des 4. Kongresses der marxistisch-leninistischen Soziologie in der DDR, 26. bis 28. März 1985, Berlin 1986, S. 18.

71  Manfred Lötsch: Probleme der Reduzierung wesentlicher Unterschiede zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1/1980, S. 35f.

72  Manfred Lötsch: Soziale Strukturen als Wachstumsfaktoren und als Triebkräfte des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 6/1982, S. 721; Ingrid Lötsch/Manfred Lötsch: Soziale Strukturen und Triebkräfte: Versuch einer Zwischenbilanz und Weiterführung der Diskussion, in: Jahrbuch für Soziologie und Sozialpoliitk 1985, Berlin 1985, S. 174. Zum Gesamtthema vgl. Heiner Timmermann (Hrsg.): Sozialstruktur und sozialer Wandel in der DDR, Saarbrücken 1988.

73  Soziale Triebkräfte (Anm. 70), Vorwort S.6.

74  Rudi Weidig: Soziale Triebkräfte (Anm. 70), S. 41.

75  Ebd., S. 46 f.

76  Vgl. dazu Walter Friedrich: Mentalitätswandlungen der Jugend in der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 16 – 17/90, S. 25ff.

77  Wichtige neuere soziologische Literatur wird erfasst in: Zentralstelle für Information und Dokumentation: Auswahlbibliographie soziologisch relevanter Publikationen aus der DDR 1985 – 89 (Redaktionsschluß: 25. Oktober 1989); Zetralinstitut für Jugendforschung – Abt. Information: Ausgewählte Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Jugendforschung (vorwiegend 1985 – 1989); Bibliographie Sozialpolitik 1984 – 1988. Soziologie und Sozialpoliitk. Beiträge aus der Forschung, Berlin 1989.

78  Marianne Schulz/Jan Wielgohs: Wessen Interessen vertritt die Soziologie? Wider die antidogmatische Legende einer Wissenschaft. Referat auf dem 5. Soziologie-Kongreß der DDR, 6. Februar 1990 (unveröffentl. Typoskript), S. 2 f.

79  Vgl. Walter Süß: „Die besungene Zukunft ist beendet“, in: Das Parlament, Nr. 8 vom 16. Februar 1990, S. 9; Katharina Belwe: 5. Soziologie-Kongreß in der DDR (Gesamtdeutsches Institut, Bonn, 25. März 1990).

80  Schulz/Wielgohs: Welche Interessen (Anm. 80), S. 4. Die beiden Autoren haben kürzlich eine Studie vorgelegt, die dem kritisierten Mangel abzuhelfen sucht: Jan Wielgohs/Marianne Schulz: Reformbewegung und Volksbewegung. Politsche und soziale Aspekte im Umbruch der DDR-Gesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 16 – 17/90, S. 15ff.

81  Vgl. dazu auch Manfred Lötsch: Stand und Perspektiven der DDR-Soziologie. Thesen, in: Deutschland Archiv 4/1990, S. 552ff.

 

In: Heiner Timmermann (Hrsg.): Lebenslagen. Sozialindikatorenforschung in beiden Teilen Deutschlands. Saarbrücken: Verlag Rita Dadder 1990, S. 9-35.

                                                                                                                                                                                                               © Rüdiger Thomas

 

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