Von der Lust und Last des Büchermachens

Von der Lust und Last des Büchermachens

Rede für Edmund Budrich am 27. März 1992
Eine lose Gedankenlese für einen back-listenreichen Verleger

                                                                                                                                 Ich möchte Sie einladen, mit mir eine gefährliche Leidenschaft zu erkunden. Es handelt sich um den Bücherwahn. Er hat eine lange Geschichte, und es mag paradox klingen: Bibliomanie hat es schon gegeben, als es noch keine Bücher gab. Lange vor der Erfindung des Buchdruckes sind die ersten großen Bibliotheken entstanden – wovon man sich noch heute in Ephesos überzeugen kann: Die Celsus-Bibliothek ist ein einzigartiges Denkmal der Buchgeschichte, ein vollkommenes Bauwerk, ein Raum außerhalb der Zeit, ein Traum schöpferischer Phantasie, eine Bibliothek ohne Bücher; denn die kostbaren Handschriften, die schon damals die Welträtsel entschlüsseln wollten, sind längst in Rauch aufgegangen.

Als ich an diesem Platz stand, drängte sich mir plötzlich ein merkwürdiger Vergleich auf. Ich fühlte mich nach Frankfurt versetzt, auf die Buchmesse. Der Gedankensprung von Ephesos in die Main-Metropole überbrückt fast zwei Jahrtausende – und angestoßen wurde er offenbar durch den Kontrast, der größer nicht sein kann: Im vergangenen Jahr haben in Frankfurt 8.500 Verlage fast 350.000 Bücher präsentiert, davon fast 100.000 Neuerscheinungen. Und eine Viertelmillion Besucher hat dieses Spektakel, das ebenso viel Geduld wie Kondition erfordert, tapfer durchgestanden. Aus der Szene kommen fast alle zu diesem weltweit wichtigsten Messeplatz für Bücher, auch wenn niemand so recht zu wissen scheint, warum. Man muß einfach präsent sein – so lautet die häufigste Antwort der Büchermacher, die hier gelegentlich eher wie Buchmacher wirken. Dabei wird verschwiegen, daß viele gern nach Frankfurt fahren und ebenso froh sind, wenn alles vorbei ist.

Mit Frankfurt sind wir alle, die mit Büchern zu tun haben, in einer Art Haßliebe verbunden. Es ist eine seltsame Mischung angespannter Erwartung und intellektueller Neugierde, die uns an diesen Ort treibt, und mancher Neuling hat auf diesem gigantischen Buchmarkt gar euphorische Gefühle: Es ist der Rausch dabei zu sein. Doch rasch kommt auch Beklemmung auf, in drangvoll fürchterlicher Enge wird die Luft zum Atmen knapp, Resignation breitet sich aus gegenüber einem uferlosen Angebot, das uns fast erdrückt und hoffnungslos überfordert, schließlich bekommt man Alpträume: Die Buchmesse läßt uns in der Rolle des Zauberlehrlings zurück, der die Geister nicht zu bannen wußte, die er selbst gerufen hat.

Sie werden mich also vielleicht verstehen, wenn ich bekenne, daß mir Ephesos besser gefällt als Frankfurt. Ich habe dafür eine einfache Erklärung: Am meisten faszinieren uns die Bücher, die es gar nicht gibt, die wir uns erst noch vorstellen. Sie bewegen unsere Phantasie, ohne uns zu bedrängen. Wer so denkt, ist für die Sucht des Büchermachens anfällig: Denn was als Idee im Kopf entsteht, drängt nach konkreter Gestaltung. Verleger sind Menschen, die ihre eigenen Bücher haben wollen, selten selbst geschrieben, aber häufig von ihnen angeregt und immer selbst geplant: Es ist der Reiz des Machens, der sie antreibt, sie sind sozusagen Prozeßkünstler. Wenn ein Buch fertig ist, gehört es dem Vertrieb, und es gilt neue Programme zu projektieren. So erklärt sich der Bücherberg, den wir in Frankfurt vergeblich zu erklimmen suchen.

Doch die Büchermacher lassen sich dadurch nicht aufhalten. Die Mediengesellschaft hat das Buch nicht zu einer liebenswürdigen Antiquität werden lassen – wie manche voreilig prophezeit haben. Der Bücherwahn breitet sich fröhlich weiter aus. Während in der Bundesrepublik 1960 27.000 Neuerscheinungen registriert wurden, hatte sich diese Zahl 30 Jahre später mehr als verdoppelt. So erfreulich das klingen mag: Die Kehrseite der Medaille muß ebenfalls betrachtet werden. Kommunikationsforscher haben festgestellt, daß im Hinblick auf Reichweiten – wie viele Menschen nutzen ein bestimmtes Medium? – und Nutzungsdauer- wieviel Zeit wird dafür aufgewendet?- seit Mitte der siebziger Jahre bei allen Printmedien also Bücher, Zeitschriften und Zeitungen – eine rückläufige Tendenz, ein „Verfall der Lesezeit“ zu erkennen ist. Während der tägliche Zeitaufwand für Buchlektüre in der Gesamtbevölkerung Mitte der achtziger Jahre durchschnittlich 17 Minuten ausmachte – bei Zeitungen war es das Doppelte – wurden für das Fernsehen genau zwei Stunden ermittelt.

Offenbar leben wir in einer eiligen Gesellschaft, in der es die Bilder leichter haben, unsere – freilich passive – Aufmerksamkeit zu erwecken als die Schriftzeichen, die uns zur Konzentration und Gedankenarbeit animieren wollen. Für Büchermacher gibt es aber keinen Grund für Krisenstimmung: denn es hat sich auch gezeigt, daß die Zahl der Buchkäufer seit Ende der sechziger Jahre ständig gewachsen ist. Fast zwei Drittel der Bevölkerung hat innerhalb der letzten zwölf Monate mindestens ein Buch gekauft, vor zwanzig Jahren war es nur die Hälfte. So lautet der zusammenfassende Befund: Buchkauf nimmt zu, Buchlektüre stagniert.

Wollen wir diesen Widerspruch auflösen, bieten sich zwei Erklärungen an:                                                                                                                           1. Bücher sind auch zu Prestigeobjekten geworden, die man haben und vorzeigen muß, damit man seine Bildung unter Beweis stellen kann. Nur in 10 Prozent der Haushalte gibt es gar kein Buch. Der Durchschnitt hat fast 200.                                                                                2. Bücher werden gezielter genutzt als in der Vergangenheit. In ihnen wird nachgeschlagen, was man wissen möchte. Der Benutzer liest selektiv und läßt sich nicht mehr vom Autor an die Hand nehmen, der Anfang und Ende bestimmt.

Man sollte diesen Sachverhalt nicht pauschal kritisieren, sondern vielmehr differenziert beurteilen. Dieses Leseverhalten ist gewiß fragwürdig, wenn es sich auf die Belletristik bezieht. Und der Verdacht ist begründet, daß hier der Anteil der vollständig gelesenen Werke der Schönen Literatur für die Autoren deprimierend gering sein dürfte. Hier wird der Absatz vor allem durch die Bestsellerlisten bestimmt, die nach dem fatalen Mechanismus der sich selbst erfüllenden Prophezeihung wirken: Gekauft wird, was „in“ ist – den Büchermachern soll ’s recht sein, Risiko eingeschlossen; denn dieses Geschäft funktioniert sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste.

Dagegen erscheint selektive Lektüre bei Sachbüchern durchaus vernünftig: Der Leser emanzipiert sich bis zu einem gewissen Grade vom Autor, indem er sich auf seine eigenen Interessen beschränkt und dadurch Zeit gewinnt, die in der Freizeitgesellschaft rätselhafterweise zu einem besonders knappen Gut geworden ist.

In diesem Zusammenhang muß man bedenken, daß der überwiegende Teil der Bücher als „Sachbuch“ eingeordnet werden kann – ohne daß dieser Begriff exakt definiert wäre. Das zeigt ein Blick in die Deutsche Bibliographie, die wir dem Börsenverein verdanken. Nur knapp ein Sechstel aller Buchtitel entfiel 1990 auf Belletristik, sechs Prozent auf Kinder- und Jugendliteratur, aber mehr als ein Fünftel allein auf das allerdings sehr weit gefaßte Sachgebiet Sozialwissenschaften.

Genug der Statistik: Zahlen können verwirren, wenn sie massenhaft präsentiert werden; doch können sie die erwähnte Paradoxie zwischen steigendem Bücherkauf und sinkender Buchlektüre erklären helfen und gleichzeitig Hinweise geben, wie man Bücher gestalten sollte, die Leser von heute und morgen ansprechen.

Das ist ein weites Feld und soll hier nicht ernsthaft erörtert werden. Die einfachste Antwort lautet: Wir sollten möglichst viele gute Bücher produzieren. Aber was ist ein gutes Buch? Ein gutes Buch ist wie ein Modellkleid: exklusiver Stoff, anziehend gestaltet. Wir sollten die attraktiven Farben nicht vergessen, nicht den raffinierten Zuschnitt und außerdem will ich hinzufügen, daß ich Mini mehr schätze als Maxi. Das alles ist leichter gesagt als getan. Es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit wir überwältigt sind.

Am Anfang steht der Couturier, doch den Erfolg sichert erst das Mannequin. Wollen wir so frivol sein und einen Moment lang die Modebranche und das Büchermachen miteinander vergleichen: Man kann ohne Kleider leben und auch ohne Bücher, doch hält es die Konvention – die wir Kultur nennen – für unschicklich, darauf ganz zu verzichten. Mode und Buchgewerbe folgen beide dem Grundgesetz der Werbung, daß der schönste Inhalt erst durch eine attraktive Verpackung voll und ganz zur Geltung kommt. Verleger sind meist zugeknöpfter als Mannequins, und längst nicht alle Autoren sind so charmant und offenherzig wie diese. Verleger teilen die Vorliebe der Couturiers für die schlanke Darbietung und fürchten üppiges Übermaß – diese Neigung ist den meisten Autoren fremd, die sich nur selten kurz und knapp drapieren wollen. Ein guter Verleger hat einem Couturier voraus, daß seine Werke beliebig oft verkauft werden können. Aber natürlich sind die Verleger weder Couturiers noch Mannequins – obwohl der Gedanke reizvoll ist: Wer jemals in Frankfurt war, hat auch dort den Jahrmarkt der Eitelkeiten auf dem Messe-Laufsteg besichtigen können, der die Atmosphäre der Haute Couture bestimmt – buchstäblich, aber auch mit allem Drum und Dran.

Da die meisten Verleger immer noch – warum eigentlich? – Männer sind, wollen wir sie – wenn wir uns schon entscheiden müssen – doch eher den Couturiers als den Mannequins zurechnen. Was für die Couturiers gilt, trifft auch auf die Büchermacher zu: Gute Verleger sind selten. Man kann sie vielleicht mit allgemeinen Worten beschreiben, doch bleibt ein unerklärbarer Rest, den man in der persönlichen Begegnung selbst erfahren muß. Gute Verleger sind heimliche Zauberer, die manchmal auch die Kunst des Unmöglichen beherrschen. Sie sind skeptisch gegen pompöses Blendwerk und bevorzugen die leisen Töne. Sie halten Distanz, oft auch zu sich selbst, und sind doch verläßliche Freunde.

Gute Verleger sind selten. Einen haben wir in unserer Mitte, und heute ist ein willkommener Anlaß, ihm Glück zu wünschen und ihm zu danken. Was soll man jemandem zueignen, der von Büchern umgeben ist? Könnte ich über die Celsus-Bibliothek verfügen, wäre diese vielleicht ein passendes Präsent – eine Quelle der Inspiration für neue Bücher, selbst ausgedacht. Aber glücklicherweise bin ich nicht Celsus oder der Erbauer der Bibliothek, sein Sohn Tiberius Aquila, sonst wäre ich schon lange tot. So habe ich etwas anderes ausgewählt: Es ist ein Bücherverzeichnis, das anläßlich der Deutschen Buchausstellung 1947 in Berlin erschienen ist und alle Neuerscheinungen von 1945 bis 1947 umfaßt. Eine Art VLB, das ist das für alle Bücherfreunde unentbehrliche „Verzeichnis lieferbarer Bücher“, das erste nach dem Krieg – aus einer Zeit, in der wir beide noch kaum vom Büchermachen geträumt haben. Ein Buch, das wenig Platz beansprucht und an viele Bücher erinnnert, also auch eine Art Bibliothek im Kopf. Wer übrigens die Preise sieht, könnte leicht ins Schwärmen geraten. Doch Nostalgie soll heute nicht aufkommen, ich habe damals nichts verpaßt, denn 1947 lernte ich gerade lesen und Edmund Budrich setzte die Konkurrenz – Könige und gelegentlich wohl auch Damen – schachmatt. Erst viel später sind wir beide selbst unter die Büchermacher geraten, und ich muß gestehen: Das ist zwar eine gefährliche Leidenschaft – aber eine von den wenigen, die nützlich sind. Es ist ein Geschäft für Verrückte, aber es gibt kein schöneres.

 

© Rüdiger Thomas

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